Die Aktualität des Teilhard de Chardin - Vortrag in Lauterbach/Schwarzwald am 24. Oktober 2003
Zuvor: Ich könnte Ihnen leichter stundenlang von Teilhard de Chardin erzählen, als ihn Ihnen in einer Stunde auf den Punkt bringen. Es geht ei ihm nicht um ein paar Eckdaten des Lebens. Es geht bei ihm um eine Weltsicht von kosmischem Ausmaß, um Glauben,  der grenzenlos wird. Je mehr man sich mit ihm befasst, desto mehr kommen Neugierde und Fragen, und je weniger wird man Befriedigung finden.
Seit 20 Jahren gibt es hier am Ort den "Teilhard-de-Chardin-Kreis". Es sind ein paar Leute, die sich intensiv mit Teilhard de Chardin befassen. Sie können erzählen, dass sie von den Denkmustern Teilhards so geprägt sind, dass ihr Glaubensbekenntnis eine andere Perspektive und Tiefe bekommen hat.
Teilhard de Chardin (1881-1955) rangiert in der Theologiegeschichte neben Augustinus und Thomas von Aquin.
Seine Perspektive ist die der Hoffnung. Wohl auch deswegen wurde er zu einer Kultfigur des New Age.
Teilhard war kein Pfarrer, kein Seelsorger, kein Theologe im üblichen Sinn, kein Theologieprofessor. Er war ein Wissenschaftler, Paläontologe. Der Mensch in seinem Werden von der Frühzeit an hat ihn interessiert und fasziniert. Darin war er eine in aller Welt geachtet und angefragte Kapazität.
Zuerst aber war er Christ mit Leidenschaft. Mitglied des Jesuitenordens. Seine Argumentationen kamen aus dem Glauben. Seien Weltsicht nahm er aus dem Evangelium. Er deutete es souverän - aufgrund seiner wissenschaftlichen Erfahrungen - auf einen Zielpunkt hin, der heißt: Christus, alles in allem! Das Ende der Welt wird nicht Aus und Vorbei sein, sondern Vollendung. Christus ist der Zielpunkt: "In ihm und durch ihn ist alles". Johannesevangelium, Paulusbriefe, Offenbarung des Johannes sind seine Belegstellen.
Er wollte die Aussöhnung zwischen Christentum und Naturwissenschaft. Er hat dafür Perspektiven entwickelt. Vieles war davon zeitbedingt. Aber es bleibt genug, an dem andere nach ihm haben weitermachen können. Auch in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils findet er sich; nicht so, dass man ihn ausdrücklich zitiert hätte, aber in dem Geist, der über seine "Schüler" in die Konzilstexte Eingang fand.
Teilhard stellt den Menschen in die aktive Teilnahme am Universum. Die Berufung des Menschen besteht darin, sich in Liebe mit dem göttlichen Werk zu vereinigen. Der Mensch kann sich zwischen Termitenstaat und Menschheit entscheiden. Teilhards Lehre ist die drängende Aufforderung, mit Gott zusammenzuarbeiten, damit die Welt ihr Ziel erreicht. Ein Umstand ist unendlich enttäuschend, nämlich, dass viele Christen, die sich allzu wenig der göttlichen Verantwortung ihres Lebens bewusst sind, genau so leben, wie die anderen: ohne ihre Kräfte je ganz einzusetzen, ohne je den Rausch des Reiches Gottes kennengelernt zu haben, das es voranzutreiben gilt, von allen menschlichen Bezirken aus.
Teilhards theologischer Ansatz lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen: auf die persönlichen, auf die einer Gemeinde, weltweit, kosmisch. Er gibt eine Grundhaltung. Befasst man sich mit ihm, wird man von einem Glauben erfasst, der wie kein anderes Modell des Glaubens die Hoffnung in den Blick nimmt. Der Blick geht auf den, der kommen wird in Herrlichkeit. Was wir in jeder Eucharistie bekennen, wird zum existentiellen Vollzug. Befassen wir uns damit, schlägt dies auf uns über und es beginnt im Alltag zu leuchten.
Teilhard glaubte an die Hoffnung. Er sah hinter den jeweiligen Horizont. Visionär schaute er das dort wieder neu bebaubare Land. Er war persönlich so souverän und frei, dass es ihm nichts ausmachte, immer wieder die Zelte abzubrechen und wie der biblische Abraham weiterzuziehen: wenn ich nicht hier bauen kann, dann baue ich eben daneben.
Es wäre ein eigens, abendfüllendes Thema, all das Unbill aufzuzählen, das man Teilhard angetan hat: Missverstehen, Intrigen, Neid... Auch Hans Küng sieht sich in seiner Nachfolge und meint sich somit in "guter Gesellschaft" zu befinden. Doch Vorsicht ist angebracht; die Dimensionen stimmen nicht ganz. Wenn wir daran denken, wie er von der Kirche, von seinem Orden gemaßregelt wurde, seine Bücher erst nach seinem Tod erscheinen konnten, ist dies nur die Hälfte der Wahrheit. Denn nur so kam es zum großen Entwurf. Teilhard konnte sich es nie leisten, sich die Sache leicht zu machen. Was er brachte, war niemals nur hingeschrieben; es war auf Herz und Nieren geprüft. Es hielt am Ende stand. Es wäre eine halbe und seichte Sache gewesen, er wäre zum Trivialtheologen abgesackt, hätte er sich nicht immer wieder neu rechtfertigen müssen.
Und auch das: Er blieb in der Kirche. Man versuchte ihn oft genug wegzulocken mit allen möglichen Angeboten. Er blieb seiner Sache treu und in der Kirche.
Teilhard de Chardin - wer er war
Geboren am 1. Mai 1881 in Sarcenat bei Clermont Ferrand in der französischen Auvergne als Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin. Kommt aus dem Landadel und war mit Voltaire verwandt. 1899 tritt er in den Jesuitenorden ein. 1905 ist er in Kairo Physiklehrer, wird 1911 zum Priestergeweiht, promoviert zum Doktor der Naturwissenschaften und wird anerkannter Paläontologe. Im Ersten Weltkrieg ist er Sanitäter. Freilich war er ein Kind seiner Zeit; nationalistische durch und durch. Damals fielen Sätze, mit denen wir uns heute schwer tun. Abers ein Einsatz war beispielhaft. In größter Gefahr ging er durch die Linien und holte Verwundete zurück. Dafür bekam er das Ehrenkreuz der Legion. Ab 1916 formte sich aber der Geist, der ihn zu dem werden ließ, was er in der Folge war. 1923 erste Reise nach China, dort Messe über die Welt. 23 Jahre ließ ihn dieses Land nicht mehr los. 1926 die zweite Reise nach China, dort Le Milieu divin. 1928 in Somaliland und Abessinien, 1929 in der Mandschurei bis zur Großen Schleife des Gelben Flusses. 1930 in der Mongolei und in der Wüste Gobi.
1931 war er bei dem Ausgrabungsteam, das den "Sinanthropus Pekingnesis" in Choukoutien fand: "homo erectus pekingnesis". Eine Sensation war es für die Welt. Erstmals stand man einem Frühmenschen gegenüber, der vor einer Million Jahre gelebt haben muss. Teilhard selbst hat ihn nicht gefunden. Es war eine längere Grabungszeit, bis man alle Teile zusammen hatte. Aber Teilhard war der, der die Bedeutung erkannte und den Pekingmenschen einordnen konnte in der Anthropologie zwischen "Java-Mensch" und "Neandertaler".
1931-32 "Die Gelbe Kreuzfahrt" nach Zentralasien. Der Härtetest, den die französische Firma Citroen mit ihren Fahrzeugen machte. Teilhard wurde dazu gewonnen. Zum einen war es für eine verlorene Lebenszeit; zum anderen war er aber fasziniert von allem, was mit Entwicklung und Fortschritt zu tun hatte.
1933 in Washington. Christentum und Evolution, 1934 wieder in China. 1935 von dort über Sibirien nach Europa. Expeditionen nach Indien, 1936 in Java, 1937 auf der Shantun-Halbinsel. Dann Teilnahme am Paläontologenkongress in Philadelphia. Die Universität verlieh im die "Gregor-Mendel-Medaille". Dann ging es wieder nach China (Shanghai) und 1938 nach Burma.
Beginn am Der Mensch im Kosmos. Teilhard betonte die Evolution. Das war einer der Konflikte, denn er begab sich in die Nachbarschaft von Charles Darwin. Nur hatte Darwin einen anderen Ansatz; allein der Name "Evolution" gilt für beide. In den Begriffen sind sie ganz verschieden. Für Teilhard steht nicht der Kampf der Arten, sondern Geogenese, Biogenese, Noogenese, Christogenese sind für Teilhard die Stufen der Evolution.
1939 - 1945 verbringt er in Peking. 1946 kehrt er nach Frankreich zurück, 1948 in die USA. Kommt nach Rom zum Disput mit seinem Orden. Die Annahme eines Lehrstuhles in Paris wird ihm untersagt. Teilhard gehorcht. 1950 wird er Ehrenmitglied der Französischen Akademie der Wissenschaften". 1951 erste Reise nach Südafrika. Danach lässt er sich in New York nieder, reist 1953 zum zweiten Mal nach Südafrika, macht 1954 Urlaub in Frankreich, kehrt aber enttäuscht nach New York zurück.
Am 10. April 1955, Ostersonntagnachmittag, stirbt er an einem Herzinfarkt in den Armen der Rhoda de Terra, einer Nichtchristin, der Frau eines Freundes, mit dem er viele paläontologische Exkursionen gemacht hatte. Es war sein persönlicher Wunsch, an einem Ostersonntag zu sterben.
Worte
Omega ist sein Schlüsselbegriff. Der letzte Buchstaben im griechischen Alphabet. Wir kennen es von der Osterkerze "Alpha et Omega". Omega ist Symbol für Christus, auf den alle Strahlen /(Elemente, Bewegungen, Gesetze, usw.) des Kosmos zulaufen. Das Wissen um Omega schafft Menschen, die entschlossen der Zukunft entgegen gehen. Omega ist Voraussetzung eines sinnvollen, zukunftsbezogenen Handelns. Omega ist Sinnbild der Vollendung: Je mehr sich in der Menschheit das Geistige, Humane, Personale zusammenschließt, desto mehr beschleunigt sich die Evolution auf ihr Ziel hin.
"O mein Gott, ich werfe mich auf dein Wort hin in den Strudel der Kämpfe und Energien. Ich überlasse mich dir, mein Gott. Deine göttliche Gegenwart soll sich an die Stelle meiner engen Personalität setzen."
Ein Text aus dem Milieu divin: Das Evangelium kündet uns an, eines Tages werde die allmählich aufgeladene Spannung zwischen der Menschheit und Gott die durch die Möglichkeiten der Welt gesetzten Grenzen erreichen. Dann wird das Ende da sein. Wie ein Blitz, der von einem Pol zum anderen fährt, wird sich die in den Dingen lautlos angewachsene Gegenwart Christi jählings offenbaren. Sie wird alle Dämme, hinter denen die Schleier der Materie und die gegenseitige Abgeschlossenheit der Seelen sie scheinbar zurückhielten, durchbrechen und das Antlitz der Erde überfluten.
Aus der Zeit um 1617: Es gibt im Universum nur ein einziges Zentrum, natürlich und übernatürlich in eins, das die ganze Schöpfung auf derselben Linie zunächst zum größten Bewusstsein, dann zur höchsten Heiligkeit hinbewegt: das ist Jesus Christus, persönlich und kosmisch.
Folgendes Gebet hebt ihn in die Nähe des Mystikers: Herr, schließe mich im Innern deines Herzens ein. Wenn du mich dort hältst, dann brenne mich, entflamme mich, läutere mich, bis zur vollkommenen Zufriedenheit deines Wünschens und bis zur vollkommenen Befreiung meiner selbst.
Würdigung
In seinen Werken, die erst nach seinem Tod erscheinen konnten, erwies er sich als einer der größten christlichen Denker, der die Liebe zur Erde und die Liebe zu Gott miteinander verbinden konnte. Für ihn ist die Hoffnung als Erwartung die eigentliche Funktion. Sein Glaube ist ein Hoffnungsglaube: Die Welt kann, seitdem sie menschlich geworden ist, nur voranschreiten, indem sie den geistigen Kräften der Erwartung und der Hoffnung einen immer ausdrücklicheren Platz einräumt.
Die Zukunft des Menschen ist offen, wenn dem Menschen die Möglichkeit gegeben wird, sich selbst zu übersteigen; wenn sich ihm ein Tor öffnet, das fähig ist, den Lebensstrom des Universums aufzunehmen.
Das Universum ist nicht sinnlos und endet nicht im absoluten Tod. Es gibt den Sinn der Welt, der dem Menschen die Zukunft gewährleistet.
Teilhard durchbricht die Grenze des erfahrbaren Universums mit Hilfe der geistigen Kräfte der Erwartung und Hoffnung, von denen sein Glaube bestimmt wird. Er sagt: Der Erwartung muss eine Form gegeben werden, nämlich die Hoffnung. Hoffnung ist Teil des Glaubens und geht auf das Vertrauen auf Christus zurück. Glauben und Hoffnung sind Stufen, die von einer noch größeren Hoffnung überhöht werden. In dieser Hoffnung zeigt sich die grundlegende Kraft, von der die Menschheit immer weiter vorangetrieben wird, damit sie nach und nach alle zusammen die Hand an die tiefen Hebel der Evolution legen können. Hoffnung ist der wesentliche Schwung, ohne den nichts geschieht: die Basis für eine unmittelbare Mitarbeit an der Evolution.
Indem Menschen die Hoffnungen für sich entdecken, Hoffnungen auf eine unbegrenzte Zukunft, offenbart sich im Menschen neu das Bedürfnis zu einem Mehrsein zu gelangen. Das Christentum bietet mit seinen absoluten Hoffnungen und seinem absoluten Ziel in besonderer Weise an, alles menschliche Hoffen in sch aufzunehmen.
Es geht um die Transformation des Christentums. Dies im Sinne, dass es nicht nur menschliche Bestrebungen und Entwicklungen nicht zerstört, sondern dass es sich diesen Bemühungen in zunehmendem Maße zuwendet. "Ich glaube, die Welt wird sich nicht zu den himmlischen Hoffnungen bekehren, wenn sie nicht zuvor das Christentum zu den Hoffnungen der Erde bekehrt!"
Der universelle Christus, der Christus, der mit der Welt umkleidet ist, erweist sich in einer evolutiven Schöpfung nicht mehr nur als der, der sich als das Heil einer übernatürlichen Seele anbietet, sondern als Retter der modernen Welt und ihrer Zukunftshoffnungen.
Im Glauben an Christus, gründet sich die Zukunftshoffnung Teilhards. Glaube und Hoffnung treffen sich in einer Bewegung, die Empor und Voran heißt. Weil die Welt konvergiert, sind Menschen an der Arbeit. Die dem Voran zugewandten Menschen, "die die Hoffnung, ja die Gewissheit in sch tragen, dass eines Tages der erwartete Durchbruch durch den "eisernen Vorhang" - Durchbruch in das Jenseits - erfolgen wird. Die Gewissheit, dass die Hoffnungen nicht unbegründet sind, gewährt der Glaube: "Meine höchsten Hoffnungen: der Glaube an Jesus erfüllt sie."
Herr, ich bin bereit, von dir beseelt und in die Freiheit hinausgeführt zu werden, in die zu gehen ich allein niemals es gewagt hätte.