"Am Berg zeigt sich, wer wir sind"
Teilhard de Chardin: Vom Glück des Daseins
Mt 16,24--26; 17,1--9


"Gedanken über das Glück" war ein Vortrag, den Pierre Teilhard de Chardin am 28. 12. 1943 in Peking gehalten hatte. Er ging von einem einfachen Bild aus, das uns sagen kann, zu welchem Grundtyp der Menschheit wir gehören und worin wir demnach das Glück unseres Lebens sehen.

“Stellen wir uns eine Gruppe von Ausflüglern vor, die aufgebrochen ist, um einen schwierigen Berg zu besteigen. Schaut man sich diese Leute einige Stunden später an, so stellt sich heraus, dass mit ihnen inzwischen etwas Sonderbares geschehen ist. Die Mannschaft hat sich bereits in drei Teilgruppen von sehr unterschiedlichem Charakter aufgeteilt. Um diese verschiedenartigen Teilgruppen geht es Teilhard de Chardin. Und da wir selbst einer dieser Gruppen angehören, sollten sie auch uns interessieren. Da sind zunächst jene, die - kaum dass sie mit dem Aufstieg begonnen haben - ermüden und bereits bedauern, sich überhaupt auf den Weg gemacht zu haben.

Nutzlos erscheinen ihnen die Mühen und Anstrengungen, die der Weg nach oben ihnen abverlangt. Daher verlieren sie die Lust am Unternehmen und kehren in die Herberge zurück. -- Neben ihnen gibt es diejenigen, die zwar nicht an eine Umkehr denken, doch wollen auch sie nicht mehr weitergehen. Sie haben einen Punkt erreicht, an dem es ihnen gut geht. Die Sonne scheint, und die Aussicht ist faszinierend. So legen sie sich ins Gras oder streifen durch die Umgebung und erwarten den Augenblick, da es etwas zu 'futtern' gibt. -- Es bleiben schließlich jene, die den Gipfel nicht aus den Augen lassen; denn ihn zu ersteigen, sind sie aufgebrochen. Deshalb setzen sie sich nicht zur Ruhe. Begeistert brechen sie immer wieder von neuem auf. Müde, Genießer, Begeisterte -- das also sind die drei Grundtypen der Menschheit, die das Glück des Daseins jeweils auf ihre Weise erfahren. Zu welchem dieser Typen gehören wir selbst?“

Für Teilhard ist das Leben eine Entwicklung, die 'nach oben' führt. Wie die ganze Menschheitsgeschichte, so muss jeder einzelne Mensch einem Höhepunkt entgegenstreben. Nur auf diese Weise erfüllt sich der Sinn seines Daseins; nur auf diesem Weg kommt ihm das wahre Glück entgegen. Daher stellt "der Ruf des Lebens" jeden einzelnen vor die wichtigste aller Fragen: Bist du auf dem Weg nach oben? Gehörst du zu den wahren Alpinisten, die ihre Augen nicht von dem Gipfel abwenden? Verfolgst du ein Ziel, von dem du die Gewissheit hast, dass es größer ist als du? Mit anderen Worten: Bist du ein Müder, ein Genießer oder ein Begeisterter?

Hinsichtlich der Müden haben wir es mit solchen zu tun, die weder Ausdauer noch Widerstandskraft haben. Sobald sich ernsthafte Schwierigkeiten anmelden, fühlen sie sich überfordert, brechen das Begonnene ab und geben resigniert auf. So vielfältig die Anforderungen des Lebens sind, so mannigfaltig können auch die Gründe sein, die sie veranlassen, sich in die eigene Schale zurückzuziehen. Zu den Müden zählt Teilhard de Chardin die Pessimisten. Irgendwo las ich einmal: "Ein Pessimist ist jemand, der sein Leben in einer Dunkelkammer verbringt und nur Negative entwickelt." Negative dieser Art lauten: "Es hat ja doch keinen Sinn; es ist nicht der Mühe wert; du bringst es ja doch nicht auf einen grünen Zweig ..."Oder man sagt: "Wenn ich nur wüsste, dass alles gut geht; wenn ich sicher wäre, dann vielleicht ..." Indem solche "Wenn-Menschen" immer wieder von 'Wenn' und 'Aber' sprechen, vergrößern sie die Schwierigkeiten um ein Vielfaches, verzetteln ihre Kräfte und bringen es zu nichts Bedeutsamem. Die Müden wollen am liebsten in Ruhe gelassen werden. Dann fühlen sie sich am glücklichsten. Daher gehen sie allem Ärger, allen Schwierigkeiten, allen Anstrengungen und Risiken aus dem Weg.

Die Genießer wollen etwas vom Leben haben: "Man lebt eben nicht zweimal in dieser Welt!" Hat man, was man braucht, um gut leben zu können, so ist man mit dem Erreichten zufrieden. Mehr will man nicht. Das Anstreben einer höheren Ebene Weiterbildung oder Übernahme von Verantwortung, die schlaflose Nächte mit sich bringt, all das liegt ihnen nicht im Sinn. So denkt, wenn ich mich nicht irre, die breite Masse der 'braven' Bürger. Ihrer Meinung nach ist derjenige glücklich, der den Augenblick zu genießen versteht. Solche Menschen erwecken in uns spontan Unbehagen. Sie betrügen das Leben und sich selbst. Während die Müden ihre Talente vergraben, werden diese von den selbstzufriedenen Genießern nicht voll ausgenützt. Durch ihre Trägheit werden sie daran gehindert, größere Zusammenhänge zu sehen; durch ihre Faulheit ersticken sie die Stimme ihres Gewissens, ihre Sehnsucht nach 'Höherem' und ihr Verlangen nach Wachstum. Aus diesem Grund schreibt Augustinus: "Sei stets unzufrieden mit dem, was du bist, falls du es erreichen willst, ein anderer zu sein, als du bist; denn wo du halt machst, da wirst du auch bleiben; und sobald du sagt: Ich habe genug geleistet, da bist du verloren."

So sind es nur die für ein hohes Ziel Begeisterten, die etwas vom Sinn des Daseins verstehen. Über den Augenblick vergessen sie nicht das Ganze. Sie sind keine "Wenn-Menschen", sondern "Wie-Menschen". Alles ,Wenn und Aber' wird sorgsam aus dem Weg geräumt. Treffen sie auf ein Hindernis, so sagen sie: "Hier liegt eine Schwierigkeit -- wie können wir sie überwinden?" Oder: "Da ist unser Ziel -- wie erreichen wir es?" Diese innere Einstellung erfüllt sie mit Schwung und Kraft, den Aufstieg unbeirrbar fortzusetzen. Mit ihm wachsen ihre Erwartungen. Ihr Optimismus, eine Zusammensetzung aus Glauben, Phantasie und Begeisterungsfähigkeit, hält sie bei guter Laune. Aufgrund ihres Bemühens, dem geheimnisvollen "Brennpunkt des Daseins" immer näher zu kommen, werden sie selbst zu "Brennenden". Man mag über diese Abenteurer lachen, man mag sie aufregend oder unbequem finden, sicher ist jedoch, dass nur ihr Leben Zukunft haben wird. Indem sie über sich selbst hinauswachsen, erfahren sie das Glück. Glück ist für sie die Frucht eines geordneten und zielgerichteten Handelns.

Fragen wir, wie wir uns verhalten müssen, um dieses Glück zu erlangen, nennt uns Teilhard drei Grundregeln.
1. Um das wahre Glück zu erfahren, musst du eins werden mit dir selbst; du musst dich auf deinen inwendigen Mittelpunkt konzentrieren; du musst dich selber finden und gestalten. Solches Bemühen fasst Teilhard in dem Wort "Zentration" zusammen. Glücklich ist, wer sich geistig weiterbildet. Das heißt: Wir müssen danach streben, in unsere Gedanken und Vorstellungen, in unsere Empfindungen und Verhaltensweisen Einheit und Ordnung zu bringen. Bereits nach griechischer Vorstellung galt ein Mensch als gebildet, wenn eine innere Harmonie sein ganzes Wesen mit all seinen Lebensäußerungen und Gewohnheiten durchwaltete und bestimmte. Der Weg zu solcher Zentration ist die Meditation. Teilhard beschreibt seine Erfahrungen auf diesem Weg mit folgenden Worten: "So habe ich -- von dem man annimmt, dass er täglich meditiere! -- vielleicht zum erstenmal im Leben die Lampe genommen, den scheinbar kleinen Bereich meiner täglichen Beschäftigungen und Beziehungen verlassen und bin hinabgestiegen in das Innerste meiner selbst, in jenen tiefen Abgrund, aus dem, wie ich es undeutlich fühle, mein Vermögen zu handeln aufsteigt. Je mehr ich mich von den herkömmlichen Gewissheiten entfernte, die das Leben der menschlichen Gesellschaft oberflächlich erhellen, um so mehr habe ich erkennen müssen, dass ich mir selbst entglitt. Mit jeder Stufe, die ich hinabstieg, enthüllte sich in mir eine andere Persönlichkeit, deren genauen Namen ich nicht mehr nennen konnte und die mir nicht mehr gehorchte. Als ich meine Forschung aufgeben musste, weil der Weg unter meinen Schritten aufhörte, da öffnete sich vor meinen Füßen ein bodenloser Abgrund, aus dem, ich weiß nicht woher, der Strom floss, den ich mein Leben zu nennen wage."

Auf dem Weg zu dem inwendigen Strom lernen wir "Gott" als "Tiefe" verstehen. Von ihr her lässt sich unser Leben gestalten. Übersehen wir nicht: Zu diesem Strom, der unser Leben ist, kommt nur, wer den Bereich seiner täglichen Beschäftigungen und Beziehungen immer wieder zu verlassen bereit ist.
2. Bleibe nicht bei dir selbst, sondern öffne dich den anderen; dann erfährst du eine Bewusstseinserweiterung und eine Glückssteigerung. Diesen Vorgang kennzeichnet Teilhard mit dem Wort "Dezentration". Den Zusammenhang von Zentration und Dezentration vermittelt uns die Psychologie. Sie stellt fest, dass jede Selbstentfremdung, jede Kontaktabwehr nach innen, auch den mitmenschlichen Kontakt stört. Wenden wir diese Feststellung ins Positive, dann besagt sie: Ein Mensch, der auf dem Weg in die Tiefe zu sich selbst gefunden hat und in sich selbst gesammelt ist, entdeckt wie von selbst einen vielfältigen Zugang zu seinen Mitmenschen. Die Erfahrungen, die sich auf dem Weg von den Tiefen des Ich zu den Tiefen des Du einstellen, bringen folgende Worte eines Dichters zum Ausdruck: "Es ist ein merkwürdiges, doch einfaches Geheimnis der Lebensweisheit aller Zeiten, dass jede kleinste selbstlose Hingabe, jede Teilnahme, jede Liebe uns reicher macht, während jede Bemühung um Besitz und Macht uns Kräfte raubt und ärmer werden lässt... Jedes Selbstlossein, jeder Verzicht aus Liebe, jedes tätige Mitleid, jede Selbstentäußerung scheint ein Weggeben, ein Sichtberauben, und ist doch ein Reicherwerden und Größerwerden, und ist doch der einzige Weg, der vorwärts und aufwärts führt. Es ist ein altes Lied, und ich bin ein schlechter Sänger und Prediger, aber Wahrheiten veraltern nicht und sind stets und überall wahr, ob sie nun in einer Wüste gepredigt, in einem Gedicht gesungen oder in einer Zeitung gedruckt werden."

Das Verständnis von "Zentration" und "Dezentration" zeigt, dass der glückliche Mensch immer ein Mensch der Polarität ist. Kraft dieser Polarität verweilt er so in seinem Selbst, dass er den Kontakt zu seinen Mitmenschen nicht verliert; andererseits verweilt er so bei seinen Mitmenschen, dass er sich selbst nicht verloren geht. Ohne sich selbst entrissen zu werden, tritt der glückliche Mensch so aus sich heraus, dass er durch seine Hinwendung zu anderen sein Bewusstsein erweitert. Doch ist hier mit Teilhard de Chardin sofort hinzuzufügen, dass es heute nicht genügt, sich nur einem Dutzend auserwählter Freunde zuzuwenden. Vielmehr kommt es darauf an, dass unsere Liebe bis an die Grenzen der Erde reicht. Nur eine solch weltweite Liebe hat die Kraft, allen persönlichen und rassischen Egoismus zu überwinden und alle Menschen zum Gipfel des Lebens zu führen. Aufgrund der Pluralität, die dem Menschen von Natur aus zu eigen ist, gibt es aber nur eine Art zu lieben: Die Menschheit muss sich auf einen gemeinsamen Brennpunkt hin orientieren, der die Kraft hat, alle zu ergreifen und untereinander zu verbinden.

3. Es macht das Glück und den Wert des Lebens aus, in etwas Größerem aufzugehen, als du selber bist. Diesen dritten Schritt kennzeichnet Teilhard mit dem Wort "Überzentration". Auch diese Wahrheit veraltert nicht. Noch im letzten Jahrhundert war man weithin der Überzeugung, dass der Mensch die Welt in ihren Hintergründen zunehmend entschleiern und das göttliche Geheimnis völlig aus dem Weg räumen werde. Bereits heute erkennen wir hingegen, dass sich mit jeder Entdeckung ein bis dahin noch unbekannter Ozean des Noch-nicht-Gewußten erschließt. Es ist also genau umgekehrt, als man dachte. Das Geheimnis verringert sich nicht mit jeder Entdeckung, sondern es wächst; es wird immer größer. Gerade das macht seinen göttlichen Charakter aus. Aufgrund dieser Erfahrung sagt Teilhard de Chardin: "Gott zeigt sich uns begrenzten Wesen nicht als eine fertige Sache, die wir nur anzunehmen hätten. Vielmehr ist er für uns die ewige Entdeckung und das ewige Wachstum. Je mehr wir ihn zu begreifen glauben, um so mehr enthüllt er sich als ein anderer. Je mehr wir ihn zu halten glauben, um so mehr weicht er zurück und zieht uns in die Tiefen seiner selbst hinein."

Wer in dieser Weise in Gottes Tiefen hineingezogen wird, kann nicht anders, als die Haltung der Anbetung einzunehmen. Was ist darunter zu verstehen? Teilhard de Chardin antwortet: "Anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermesslichkeit aufgehen, sich dem Feuer und der Transparenz hingeben, sich bewusst und willentlich in dem Maße vernichten, als man seiner selbst bewusster wird, sich vom Grund auf jenem schenken, der ohne Grund ist! Wen können wir anbeten? Je mehr der Mensch Mensch wird, um so mehr wird er vom Bedürfnis gepackt, und zwar von einem immer ausdrücklicheren, immer reineren, immer unmäßigeren Bedürfnis anzubeten.".

Sein, Lieben und Anbeten, das sind die drei ineinandergreifenden Stufen des Glücks. Es wird von denen erfahren, die auf dem Weg nach oben bleiben. Zu ihnen gehörte Teilhard de Chardin selbst. 1955, am Ostersonntagabend, fiel der Vierundsiebzigjährige mitten in einer lebhaften Diskussion, vom Schlage getroffen, zu Boden. Einen Monat vorher hatte er den Wunsch geäußert, er möchte an einem Tag der Auferstehung sterben. Zu ihnen gehörte auch jener Bergsteiger, von dem irgendwo in den Alpen ein Bergkreuz Zeugnis gibt. Darauf steht das bezeichnende Wort: "Er starb auf dem Weg nach oben." Zu ihnen gehörte allen voran derjenige, der am Ölberg nicht zu einem Müden -- und in der Wüste, wohin er vom Versucher geführt worden war, nicht zu einem Genießer wurde, der vielmehr auf Golgata zum Heil aller am Kreuz gestorben ist: Jesus Christus. Ob die Worte "Sein, Lieben und Anbeten" nicht Schlüsselworte sind, die uns sein Lebensgeheimnis erschließen? Der biblische Text, der von seiner Verklärung erzählt (Mt 17,1--9), veranlasst uns zu dieser Frage.

Jesus sagte zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?... Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.
Matthäus 16,24--26; 17,1--9