Teilhard de Chardin
Mein Glaube
"Christologie und Evolution - Evangelismus"
"Man hat uns allzu viel von Lämmern gesprochen. Ich möchte ein wenig die Löwen herauskommen sehen." Zuviel Sanftmut und nicht genug Stärke. So möchte ich symbolisch meine Eindrücke und meine These zusammenfassen, wenn ich die Frage der Neuanpassung der evangelischen Lehre an die moderne Welt angehe.
Diese Frage ist vital. Die größere Zahl unserer Zeitgenossen macht sich nicht bewusst Sorge darum, welchen Sinn sie dem Geheimnis der Inkarnation und der Erlösung geben soll. Alle aber reagieren lebhaft auf die inneren Harmonien und Missklänge, die sich daraus für die im Bereich der Moral und der Mystik ergeben. Wir Christen gefallen uns häufig darin zu meinen, so viele Heiden bleiben dem Glauben fern, weil das Ideal, das wir ihnen predigen, zu vollkommen und zu schwierig sei. Dies ist eine Illusion. Eine Edle Schwierigkeit hat immer die Seele fasziniert. Die Wahrheit über das heutige Evangelium ist, dass es nicht mehr oder fast nicht mehr anziehend ist, weil es unverständlich geworden ist. In einer Welt, die sich erschreckend geändert hat, sagt man uns dieselben Worte wieder, die von unseren Vätern gefunden wurden. A priori könnte man schwören, dass diese alte Aussageweise uns nicht mehr zu befriedigen vermögen. Tatsächlich würden die besten unter den Ungläubigen, die ich kenne, meinen, von ihrem sittlichen Ideal abzufallen, wenn sie die Geste der Konversion leisteten. Sie selbst haben es mir gesagt.
Auch hier wiederum ist es, um dem Evangelium treu zu bleiben, angemessen, seinen geistigen Kodex der neuen Gestalt des Universums entsprechend zu gestalten. Das Universum hat heute für unsere Erfahrung eine neue Dimension gewonnen. Es ist nicht mehr der fertig angepflanzte Garten, in den die Phantasie des Schöpfers uns für eine gewisse Zeit ins Exil geschickt hat. Es ist zu dem großen, das gerettet werden soll, indem wir uns retten. Wir erkennen uns als atomar verantwortliche Elemente einer Kosmogenese. Was wird, werden sie in diesen neuen Raum übertragen, aus den christlichen sittlichen Normen? Wie müssen sie sich biegen, um sie selbst zu bleiben?
Wir können mit einem Wort antworten: "So, dass sie für Gott zu Stützen der Evolution werden." Bisher war der Christ in dem Eindruck erzogen worden, um Gott zu erreichen, müsse er alles fahren lassen. Nunmehr entdeckt er, dass er sich nur durch das Universum hindurch und in seiner Weiterführung zu retten vermag. Der Evangelismus ließ sich zu einem gegebenen Zeitpunkt in der Formel der Epistel zusammenfassen. "Religio munda haec est: visitare pupillos et viduas, et immaculatam se custodire ab hoc saeculo" (vgl. Jak 1,27). Diese Zeit ist endgültig vorbei. Oder genauer, der heilige Jakobus ist mit der sittlichen Tiefe zu interpretieren, die ihm unsere neuen Horizonte verleihen.
Anbeten hieß früher, Gott den Dingen vorziehen, indem man sie mit ihm verglich und indem man sie ihm opferte. Anbeten heißt jetzt, sich mit Leib und Seele dem Schöpferakt weihen, indem man sich mit ihm verbindet, um die Welt durch Anstrengung und Forschung zu vollenden.
Den Nächsten lieben hieß früher, ihm kein Unrecht tun und seine Wunden verbinden. Die Liebe wird sich in Zukunft, ohne deshalb aufzuhören, mitleidend zu sein, in einem für den gemeinsamen Fortschritt hingegebenen Leben vollenden.
Rein sein hieß früher hauptsächlich, sich enthalten, sich vor Flecken bewahren. Keuschheit wird morgen vor allem die Sublimation der Kräfte des Fleisches und jeder Leidenschaft heißen.
Losgelöst sein, Entsagung, hieß früher, sich für die Dinge nicht interessieren und nur so wenig wie möglich von ihnen zu nehmen. Losgelöst sein wird in Zukunft immer mehr heißen, nacheinander jegliche Wahrheit und jegliche Schönheit gerade durch die Kraft der Liebe, die man ihnen entgegenbringt, zu übersteigen.
Ergebenheit konnte früher die passive Annahme der gegenwärtigen Bedingungen des Universums heißen. Ergebenheit wird in Zukunft nur noch dem in den Armen des Engels zusammenbrechenden Kämpfer erlaubt sein.
Früher schien es für den Menschen nur zwei geometrisch mögliche Haltungen zu geben: den Himmel lieben oder die Erde lieben. Nunmehr zeigt sich in diesem neuen Raum ein dritter Weg: zum Himmel durch die Erde hindurch gehen. Es gibt eine (die wahre) Kommunion mit Gott durch die Welt. Und sich ihr hingeben heißt nicht, die unmögliche Geste zu tun, zwei Herren zu dienen.
Ein solches Christentum ist noch wirklich der wahre Evangelismus, weil es dieselbe Kraft darstellt, darauf verwandt, die Menschheit in einer gemeinsamen Liebe über das Greifbare zu erheben.
Zur gleichen Zeit hat aber dieser Evangelismus nichts mehr von dem Geruch des Opiums an sich, das man uns voller Bitterkeit (und mit einem gewissen Recht) über die Menge auszugießen vorwirft. Er ist nicht einmal mehr einfach das lindernde Öl, das über die Wunde und in die leidenden Räderwerke der Menschheit ausgegossen wird.
Er zeigt sich in Wirklichkeit als Beseeler des menschlichen Tuns, dem er das scharf umrissene Ideal eines göttlichen, historisch kurz sichtbar gewordenen Antlitzes bringt, in dem die wertvollsten Essenzen des Universums sich konzentrieren und gerettet werden.
Er antwortet genau auf die Besorgnisse und das Streben eines plötzlich zum Bewusstsein seiner Zukunft erwachten Zeitalters.
Er, er allein, zeigt sich, soweit wir es zu beurteilen vermögen, fähig, in der Welt die grundlegende Lust am Leben zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten.
Er ist die eigentliche Religion der Evolution.
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Vor einigen Jahren hörte ich im Gespräch mit einem alten leicht schwärmerischen Missionar, den aber alle als einen Heiligen ansahen, ihn folgende überraschende Worte aussprechen. "Die Geschichte erweist, dass keine Religion sich in der Welt länger als 2000 Jahre halten kann. Ist diese Zeit vorbei, sterben sie alle. Nun, für das Christentum werden bald 2000 Jahre sein..." Der Prophet wollte mit diesen Worten zu verstehen geben, dass das Ende der Welt nahe sei. Ich aber verstand darin etwas viel Ernsteres. Ja, 2000 Jahre mehr oder weniger sind eine lange Zeit für den Menschen vor allem dann, wenn, wie in unseren Tagen noch der kritische Punkt eines "Wechsels im Zeitalter" hinzukommt. Nach zwanzig Jahrhunderten haben sich so viele Anschauungen geändert, dass wir religiös in eine andere Haut schlüpfen müssen. Die Formeln haben sich verengt und verhärtet: sie behindern uns und erregen uns nicht mehr. Um weiter zu leben, müssen wir uns häuten.
Als Christ habe ich nicht das Recht zur Annahme, dass das Christentum in dieser Zeit des Übergangs, in die wir eintreten, verschwinden könne, wie es den anderen Religionen widerfahren ist. Ich halte es für unsterblich. Doch diese Unsterblichkeit unseres Glaubens entbindet ihn nicht davon, dass er, und zwar indem er sie überwindet, den allgemeinen Gesetzen der Periodizität unterworfen ist, die alles beherrschen. Heute hat also, das erkenne ich, das Christentum (genau wie die Menschheit, die sich mit ihm deckt) die Grenze eines natürlichen Zyklus seiner Existenz erreicht.
Da wir abstrakt die Ausdrucksformen unserer Dogmen wiederholen und entwickeln, sind wir dabei, uns in Wolken zu verlieren, in die weder die Geräusche, noch das Streben, noch der Saft der Erde dringen. Religiös leben wir in bezug auf die Welt in einem doppelten, geistigen und gefühlsmäßigen Extrinsekismus. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Zeit für die Erneuerung nahe ist. Nach fast 2000 Jahren muss Christus wiedergeboren werden, muss er sich reinkarnieren in eine Welt, die allzu sehr von der verschieden geworden ist, in der er gelebt hat. Jesus vermag nicht greifbar wieder unter uns zu erscheinen. Doch kann er unserem Geist einen triumphierenden und neue Aspekt seines alten Antlitzes bekunden.
Der Messias, den wir unzweifelhaft alle erwarten, ist, glaube ich, der Christus Universalis, d.h. der Christus der Evolution.
Tien-Tsin, Weihnachten 1933