Die ewige Evolution und der werdende Gott - Die Mystik des Teilhard de Chardin
nach Christian Modehn

Bisher haben wir immer gemeint wenn wir sehr fromm waren: Da ist der Gott, der schafft die Erde, die Welt, den Menschen. Dann schiebt er uns, wenn es gut geht, von hinten an. Teilhard sagt: Nein. Er schiebt niemanden an. Sondern da ist einer von vorn, der zieht, der zieht uns an. Das heißt, du brauchst überhaupt nicht nach hinten schauen, da kommt nichts. Du musst dich immer nach vorn orientieren, da ist etwas, was zieht.

Homo erectus Pekinensis
Da ist der ungewöhnlichen Mystiker, Pierre Teilhard de Chardin. Er hat Gott nicht in der Abgeschiedenheit eines Klosters erfahren, sondern als Forscher, unterwegs in den Wüsten von China und Afrika, auf der Suche nach den Spuren der ersten menschlichen Wesen. Teilhard de Chardin hat als Paläontologe und Geologe die Vorgeschichte der Menschheit studiert. Aber er war nicht auf die Vergangenheit fixiert. Er hatte es mit der ausgedehnten und weitverzweigten Evolution zu tun, mit einer viele Millionen Jahre umfassenden Entwicklung. Sie beginnt bei den ersten Staubpartikeln, führt über Pflanzen und Tiere hin zu den Menschen. Und diese Evolution der Welt ist längst nicht zu Ende! Eine unendliche Energie inspiriert die Menschen auf dem Weg nach vorn. Gott ist also nicht in einer heilen Vergangenheit zu suchen, er ist die Garantie der Zukunft der Menschheit.

Der Teilhard-Spezialist Günther Schiwy:
Diese Wirklichkeit, die dort sich entwickelt und entfaltet, ist die Wirklichkeit des Göttlichen selbst. Das Herz der Materie ist Gott selbst, haltet euch an die Materie, da werdet ihr Gott erfahren, nicht irgendwo an den Wolken, sondern an die Materie. Das Göttliche selbst ist in allem, was da ist, in mir, in dir, in den Steinen, in den Sternen, im Phänomen des Gewissens, in allem, was konkret und wirklich ist, was lebendig ist, das ist Gott selbst. Es ist kein Himmel im Jenseits, denn Gott ist diesseits, er ist weltlich, er ist nicht überirdisch, er ist irdisch. Und je mehr man sich mit der Erde einlässt, um so mehr lässt man sich mit Gott ein.

Die unendliche Energie, das Ur-Prinzip von allem, ist mitten in der Evolution der Welt, "irdisch", wirksam. Es lebt nicht etwa nur in den Kirchen! Sondern überall, wo Menschen die Erde hegen, pflegen, studieren, lieben. Einsichten und Erfahrungen, die Pierre Teilhard de Chardin schon als junger Mensch hatte: Ich habe die Natur verehrt und dabei meine Hochschätzung des Pantheismus erlebt, also der Auffassung, dass Gott alles ist und auch alles irgendwie göttlich ist. Aber durch die Lektüre der Briefe des Apostels Paulus entdeckte ich: Gott ist alles IN allen. Das heißt: Wir beziehen uns auf Gott, der noch größer ist als die Welt im ganzen. Von daher vertrete ich einen christlich geprägten "Pantheismus". Diese Überzeugung hat mir geholfen, später das vielfältige Material der Millionen Jahre währenden Evolution zu deuten.

Einen seiner mystischen Texte hat Teilhard "Die Hymne an die Materie" genannt: Darin heißt es: "Gesegnet seiest du mächtige Materie, unaufhaltsame Entwicklung, immerdar werdende Wirklichkeit. Gesegnet seiest du, Dauer ohne Schranken, Äther ohne Küsten, du offenbarst uns die Ausmaße Gottes. Ich grüße dich, Materie, göttliche Wohnstatt, geladen mit schöpferischer Kraft. Nimm mich mit, Materie, in jene Höhen, wo mir vergönnt wird, das All zu umarmen".

Teilhard ging es um eine Synthese, um eine Zusammenführung von Naturwissenschaften und christlichem Glauben. Was sich bisher feindselig gegenüberstand, wollte er versöhnen: die Evolution der Welt und die Anerkennung Gottes! Der Biologe Maurice Ernst von der "Teilhard - Gesellschaft" in Paris: "Eine große Originalität, ja sogar die Basis des Denkens von Teilhard de Chardin, besteht in seiner Vision der Naturgeschichte. Diese Geschichte ist zielgerichtet, sie hat einen Sinn, eine Richtung. Und der Sinn der Naturgeschichte ist die Entwicklung des Geistes. Dorthin strebt die Natur! Und Teilhard nennt das Ziel dieser Entwicklung den Punkt Omega".

Die Welt ist unterwegs zu einem alles versammelnden Punkt in ferner Zukunft, zu einer Wirklichkeit, die Teilhard, biblischen Traditionen folgend, den "Punkt Omega" nennt, den vollendeten Zustand der Menschheit. Wenn die Welt nichts Statisches, nichts Festes ist; wenn die Wirklichkeit im wesentlichen Werden ist, dann gibt es Wege, Umwege, Irrwege innerhalb der Evolution. Das Neue ist immer eine Überraschung, es ist nicht aus dem Alten nicht ableitbar. Aber diese vielfältigen Strebungen der Evolution führen doch zu einem sinnvollen Ziel, zu einer vollendeten, einer heilen Welt. Sie ist für Teilhard identisch mit dem "universalen Christus". 
Günther Schiwy: "Christus ist nur die Chiffre, also ein Zeichen für eine Wirklichkeit, die sozusagen von einem anderen Stern ist. Und diese Wirklichkeit ist aber durchgängig in allen Geschöpfen. Und sie ist auch schon die Antriebskraft innerhalb unserer Vor-Entwicklung. Wir sind ja jetzt nur der Gipfel, wo diese Entwicklung sich selbst bewusst wird".

Teilhard ganzheitliche, religiöse Interpretation der Evolution hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Widerspruch erfahren. Es war auch intellektuelle Mode, nur für ein materialistisches Weltbild einzutreten und alle Ergebnisse der evolutiven Entwicklung nur als blinden Zufall zu deuten. Teilhard verwies darauf , dass auch die materialistische Interpretation nichts anderes als eine Deutung ist: Auch sie ist von einem schon vorausgesetzten Glauben geprägt. 
Teilhard hat seinen eigenen Ansatz einmal kurz beschrieben:
"Die Originalität meiner Überzeugung besteht darin, dass ich ganz ein Kind des Himmels, ein Mystiker, bin und gleichzeitig ganz ein Kind der Erde, ein Wissenschaftler, ein Mensch, der die Welt erforscht, der sie liebt. Im Rückblick meines Lebens kann ich sagen, dass ich beide Bindungen, die Treue zum Himmel und die Treue zur Welt, zu einer einzigen Synthese zusammengeführt habe".

Heute wird Teilhards ganzheitlicher Ansatz mit Interesse aufgenommen, er findet immer häufiger Zustimmung. Etwa bei dem Freiburger Genetiker Professor Carsten Bresch: Für ihn läuft die Entwicklung der Welt auf ein Ziel zu, auf den Menschen als verantwortlich handelndes Wesen. Ähnliche Positionen vertritt der Chemiker Professor Lothar Schäfer aus Arkansas, USA.

Über Teilhards Leistung berichtet Günther Schiwy:
"Diese Art der Betrachtung, dass ein Einzelwissenschaftler sich traut, auch dann die verschiedenen Einzelwissenschaften in ihren Ergebnissen zusammen zu sehen, eine Synthese herzustellen, diese Art, die Welt zu betrachten, nämlich ganzheitlich, wie man heute sagt, holistisch, ist das Modernste, was es gibt. Und jeder Naturwissenschaftler, oder sonst Einzelwissenschaftler, der die Nase rümpft darüber, dass ein Kollege es wagt, auch über seine engen Grenzen hinauszuschauen und dazu etwas zu sagen: Der ist hinterm Berg, der ist also nicht auf dem Stand der Wissenschaft, auf dem man heute sein sollte".

So sehr Teilhard bis zu seinem Tod am Ostersonntag 1955 Wissenschaftler blieb und nichts leidenschaftlicher verteidigte als das unablässige Suchen und Forschen, so hatte er sich doch eine vorrangige Aufgabe gewählt: Er wollte sich mit seinen Überlegungen zu Religion, Theologie und Mystik die Christen befreien von dem dogmatisch - festen, statischen Weltbild. Er konnte es als Wissenschaftler nicht hinnehmen, wie naiv und entgegen aller Erkenntnis zuweilen geglaubt wurde, Gott habe an einem bestimmten Tag die Welt und dann ein paar Tage später den Menschen geschaffen. Er korrigierte auch die Vorstellung: Gott sei nur ein ferner Himmelsherr, ein Gesetzgeber und strafender Richter in einem unerreichbaren Jenseits.

Man muss wissen, dass wir als Geschöpfe nicht allein jetzt auf diesen Weg gesetzt sind. Sondern da ist jemand, der geht nicht nur neben uns her. Sondern der ist unser innerstes Kraftzentrum, es ist etwas, was von Innen her da ist. Und dafür gibt es nun immens viele Zeugnisse, man muss nur die Augen aufmachen, man muss nur in sich selbst hineinhorchen. Das geht über die Kunst, über die großen Forscher, das geht über die vielen Menschen, die sich für andere hinopfern. Das sind doch Energien, die haben wir doch nicht aus uns selbst. Und wenn sie große Musiker fragen, große Dichter fragen usw., und wenn sie die Mutter fragen mit ihrem Kind: Ich will damit nur sagen, dass wir in einem Energiemeer schwimmen.

"In einem Energiemeer schwimmen". Ein Bild, das die stetige Gegenwart Gottes mitten in der Welt beschreibt. Teilhard führte diese Erfahrung gelegentlich zu überschwänglichen Formulierungen. Manchmal auch zu einem religiösen Enthusiasmus, der aber niemals zu einem unreflektierten Schwärmertum wurde. Seine Erkenntnisse haben immer auch einen sehr anspruchsvollen ethischen Impuls: Sein Prinzip war: Wenn der göttliche Geist die Welt zu immer höheren Qualitäten, zu immer qualifizierterem Wissen führt, dann ist der Mensch in die Lage versetzt, dieser Entwicklung auch persönlich zu entsprechen. Eine Perspektive, die gerade heute inspirierend ist, meint Günther Schiwy: 
"Das ist Teilhards großes Programm gewesen: Wir müssen den Individualismus überwinden. Indem man erkennt: Ich muss meine Persönlichkeit, meine Fähigkeiten, bis zum äußersten entwickeln und entfalten; d.h: Ich muss Person und Persönlichkeit werden gegen alle Kollektive. Aber umgekehrt muss ich mich mit dieser Persönlichkeit ganz engagieren für die weitere Entwicklung der Menschheit. Und dadurch wird also das Individualistische aufgehoben ins Personale und wird von daher fruchtbar für eine Welt, in der der Mensch vereinigt lebt mit seines gleichen. Aber in einer Vereinigung, die gleichzeitig differenziert. Das heißt, die gleichzeitig den einzelnen freisetzt und ihm Entfaltung ermöglicht, wieder im Sinne der gegenseitigen Bereicherung. Das heißt sie führt nicht zu einem Einheitsbrei, nicht zu einem Einheitsblock, nicht zu einer Einheitspartei. Auch nicht zu einer Liebe, in der einer dem anderen sich aufopfern muss. Sondern sie führt dazu, dass jeder er selbst wird, immer mehr er selbst wird. Und das macht den Reichtum jeder echten Vereinigung aus".

Unterschiedliches soll sich zu einer pluralen Einheit fügen, einer Einheit in der Vielfalt, die jedem einzelnen den Raum der Freiheit lässt: Darauf will die Evolution hinaus. Aber auf dem Weg dorthin gibt es immer wieder Unglück und Katastrophen, es gibt viel Nutzloses, Zerstörerisches, Böses. Die Evolution befindet sich im ständigen Kampf um den richtigen Weg nach vorn. Es ist manchmal schwer, sich an das alles tragende, alles verbindende "göttliche Milieu" zu halten.

All das hat Teilhard genau gesehen. Er hat das auch erlitten, selbst, in der eigenen Familie, an eigenem Leibe. Er war in zwei Weltkriegen. Also man kann nicht sagen: Er war nur Optimist, der die Wirklichkeit nicht ins Auge gefasst hat, sondern in Träumen vom schönen Himmelreich gedacht hat. Aber gegen diese Erfahrung hat er auf die Grunderfahrung des Menschen gesetzt: "Gäbe es nicht die Lust am Leben, gäbe es auch nicht die Erfahrung des Unglücklichseins". Er hat immer dialektisch gedacht. Aber das Primäre, das Stärkere, ist für ihn letztlich diese positive Energie. Und weil es die gibt, gibt es auch für jeden Menschen die Möglichkeit, die Krisen durchzustehen. Schauen Sie, es gibt Berichte aus dem KZ: Wo Menschen dort in der größten Not und Erniedrigung sich an einer Pflanze, an einem anderen Menschen, dessen Augen noch leuchteten, aufgerichtet haben. Und sie haben diesen Schrecken überlebt. Aber das ist nicht das Entscheidende. Sondern, dass sie die Hoffnung behalten haben, dass das Schreckliche nicht das letzte Wort ist in der Entwicklung der Menschheit.

"Vorwärts, Menschheit, vorwärts", hat Teilhard gesagt. Er wollte mit seinem Enthusiasmus vor Stillstand und Resignation bewahren. In Zeiten tiefer Depression und Orientierungslosigkeit hat er eine "frohe Botschaft": Folgen wir dem unendlichen Geist, und nicht unseren kleinlichen Ängsten!" Worte, die persönlich trösten können. 

In allen Religionen wird die Mystik Teilhards als Lebenshilfe entdeckt. In vielen Ländern Europas, Amerikas und Asiens gibt es Teilhard Studienkreise, die sich sein Denken auch persönlich aneignen. Zur Teilhard Gesellschaft in Paris gehört der Computerspezialist André Peltre:
"Teilhard glaubt fest an eine Zukunft nach dem Tod, eine Zukunft, wo schon von dem Individuellen etwas bleibt. Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens. Tod ist eine Stufe, eine Änderung des Lebens. Und wir sind nicht frei zu wählen, wenn sie kommt. Und wenn Sie individuell sterben oder in einer grossen Katastrophe oder in einer kleinen Katastrophe, das ist für einen philosophischen Gesichtspunkt kein entscheidende Unterschied."

Alles Negative ist nur Durchgang, nur eine Stufe, die weiter führt zu einer neuen positiven Erfahrung. Eine eher abstrakt-allgemeine Erkenntnis, die jedoch Teilhard selbst und seine Freunde heute als praktische Lebenshilfe empfinden. Sie erleben dabei die seit vielen Millionen Jahren lebendige Evolution wie ein Vorbild: Denn auf die Bildung der materiellen Erde, die GEO-Sphäre, folgt die in der ganzen bunten Vielfalt die BIO-spähre des Lebendigen: Daran schließt sich die Welt des Geistes an, die NOO-SPHÄRE, das Universum der geistigen Kräfte der Menschen. Diese NOO-Sphäre gilt es immer weiter auszubauen, diese Welt des geistigen Miteinanders gilt zu fördern!

Tatsächlich wollte Teilhard mitten im noch so banalen Leben Sinn erschließen, Hoffnung wecken. In Frankreich treffen sich bis heute viele tausend Menschen in Teilhard-Diskussionsrunden, dazu gehören Intellektuelle und Studenten, Rentner und Ingenieure gleichermaßen. Zum Beispiel hat der Arbeiterpriester Philippe Taverny trotz aller Monotonie in einer Auto-Fabrik immer wieder Teilhards Buch "Der Mensch im Kosmos" gelesen: "Mich hat der Text Teilhards berührt mit dem Namen: "Die Messe über die Welt". Darin habe ich, Teilhard folgend, wahrgenommen: Die Materie ist nichts Lebloses, sondern in der Materie verbirgt sich etwas Unsichtbares. Ich schätze sehr diesen Ansatz: Er geht davon aus, dass die Welt sinnvoll ist. Die Menschheit entstammt nicht dem Zufall. Die Menschheit strebt einer Zukunft entgegen. Der Mensch ist mit der Geschichte verankert. Dabei ist für Teilhard die Geschichte nicht nur etwas Weltliches, sie ist das Abenteuer der ganzen Schöpfung. Es geht darum, dass die Menschheit voranschreitet und wächst in der Liebe und der geistigen Kapazität. Wenn ich einmal verzweifelt bin, dann bedenke ich einige Texte Teilhards. Da werde ich daran erinnert: Im Menschen gibt es etwas Schönes und Grosses. Selbst wenn man das gelegentlich nicht sehen kann."

So werden die Freunde Teilhards heute nicht müde, selbst große Rückschläge, wie die Tsunami Katastrophe in Südasien, in einem positiven Licht zu sehen: Pater Francois Euvé ist Jesuit, Physiker und Professor für Theologie in Paris:
Die Welt müssen wir als dynamische Realität begreifen, als eine Wirklichkeit, die noch am Werden, am Aufbauen, ist. Wenn wir dann von Schöpfung durch Gott sprechen, dann bedeutet das nicht, dass alles schon perfekt und fertig ist in dieser Welt. Sondern es handelt sich um eine ständige Verbesserung. Wir sind nicht dazu verdammt, in einer Welt zu leben, die zur Zerstörung bestimmt ist. Wir sind nicht verdammt zu einer unvermeidbaren Vernichtung. Nicht der blinde Zufall hat das letzte Wort. Dagegen wehrt sich Teilhard de Chardin. Wenn man von einem Sinn des Ganzen ausgeht: Dann muss für die Möglichkeit der Verbesserung eintreten. Es bleiben für ihn immer Möglichkeiten der Verbesserung und des Wandels zum Guten. Wichtig ist, dass wir immer am Suchen und Forschen bleiben. Das ist nichts anderes als die Hoffnung zu bewahren! Selbst in den schlimmen Erfahrungen jetzt in Asien kann man doch wieder versuchen, etwas aufzubauen. Teilhard hilft uns, dass wir an dieser Linie festhalten. Gott selbst ist in dem Suchen anwesend. Gott selbst ist das Suchen. Das ist vielleicht etwas gewagt, aber ich bin nicht völlig gegen diese Auffassung.

Ein paradoxer Gedanke, der immer wieder in mystischen Erfahrungen formuliert wird: Auch Teilhard war davon überzeugt: In der Welt entwickelt sich Gott, er sucht sich selbst noch tiefer zu verstehen. Und im Denken der Menschen kommt ER selbst zu einem deutlichen Wissen seiner selbst. Gott selbst hat also eine Geschicht! ER WIRD selbst noch in der Welt, in der Evolution. Und weil Gott immer schöpferisch ist, ist er immer auf die Welt bezogen. Schon der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin glaubte deswegen, von einer ewigen Schöpfung sprechen zu müssen. Erst im Laufe der Weltgeschichte wird Gott ganz göttlich. Teilhard schreibt: "Es bleibt bestehen, dass wir Menschen die für das Wachsen und die Ausweitung Gottes notwendige Grundlage bilden".

Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat dazu bemerkt:
Wir müssen mit Teilhard annehmen, dass Gott selbst in der von ihm geschaffenen Welt entsteht, dass er im Leib des Kosmos reift, dass er sozusagen ein anderer wird, als er vor der Schöpfung war!

Teilhard hat der Kirche innerhalb der Evolution eine besondere Aufgabe zugedacht, grundsätzlich sah er sie als Avantgarde der Menschheit: Wissen doch die Christen genau, welche geistige Kraft die Welt bewegt und vorwärts treibt: Günther Schiwy:
"Teilhard hat gesagt: An sich müsste die Kirche die Menschen so anfeuern und sie so ziehen, dass sie sich mit Begeisterung der Entwicklung der Evolution der Menschheit widmen. Und nicht die Leute von der Welt wegziehen, und sagen: Kommt her, hinter unseren vier Mauern, da ist es schön warm, und kümmert euch nicht um die böse Welt, die ist sowieso des Teufels. Nein, wir warten auf die Wiederkunft Jesu Christi. Oder wir warten auf ein Wunder! Da kommt Gott nie, in diese Mauern kommt er nie. Denn Gott ist ein Gott der Freiheit, ein Gott der frischen Luft. Er will, dass sich die Menschen lieben, dass sie sich engagieren. Wofür? Dass sie den Platz bereiten in dieser Schöpfung dafür, dass Gott darin immer mehr wohnen kann."

Aber Teilhard erlebte die Realität der Kirche jedoch ganz anders: Er hatte als Jesuitenpater nichts als Schwierigkeiten mit den Führern der Kirche, er wurde ausgegrenzt, diskriminiert, verfolgt. Kein einziges religiöses, mystisches und theologisches Buch durfte er veröffentlichen. Rom übt strengste Zensur aus!

Wie Untergrund-Literatur wurden seine Texte in Schreibmaschinen - Abschriften oder in Kopien verbreitet. Der Vatikan fürchtete die Evolutionslehre. Der Papst wollte nicht anerkennen, dass Materie und Geist eine Einheit bilden. Er wollte nicht wahrhaben, dass der Mensch als Geist-Leib-Seele-Wesen das Ergebnis einer Jahr-Millionen dauernden Evolution ist. Teilhard hat unter so viel Verachtung vor seiner intellektuellen Leistung auch körperlich gelitten. Er schreibt: Die Verwalter der Kirche haben nicht den Sinn dafür, was das wirkliche Leben ist. Die Kirche kommt mir noch wie ein Kind vor, sie hat noch gar nicht die universale Bedeutung Christi im Prozess der Evolution erkannt.

Teilhards Leistung als religiöser Meister wird heute weltweit anerkannt, auch wenn die Diskussion über einzelne seiner Vorschläge und Einsichten weitergeht. Vor allem ist umstritten, welche Rolle die Kirche innerhalb einer göttlich geprägten Evolution haben kann. Wenn die Arbeit an der Welt, wenn das Forschen und Suchen und selbst die schlichteste Tätigkeit sozusagen ein Dienst an Gott und seiner Wirklichkeit ist, dann ist die Kirche eigentlich zweitrangig. Zuerst und vor allem finden die Menschen in der Welt zu Gott, das wollte Teilhard vermitteln! Seine Freunde in den Teilhard-Studien-Kreisen erinnern heute immer wieder daran. So wird der Kern des christlichen Glaubens für sie etwas sehr Einfaches. Der Teilhard Spezialist Remo Vescia aus Paris: 
"Wir müssen wieder den ewigen Christus in aller Klarheit entdecken, wie er in uns allen lebt. Der heilige Paulus hilft uns diesen universalen Christus wieder neu zu sehen. Auch Teilhard de Chardin hilft uns dabei, die Botschaft Christi von allem Ballast gründlich zu befreien, wieder das Wesentliche zu entdecken. Und das ist Liebe, die Liebe, die wir in unendlichen Dimension entdecken, diese Liebe verbindet sich mit Intelligenz und Offenheit."