| Die
ewige Evolution und der werdende Gott - Die
Mystik des Teilhard de Chardin nach Christian Modehn Bisher haben wir immer gemeint wenn wir sehr fromm waren: Da ist der Gott, der schafft die Erde, die Welt, den Menschen. Dann schiebt er uns, wenn es gut geht, von hinten an. Teilhard sagt: Nein. Er schiebt niemanden an. Sondern da ist einer von vorn, der zieht, der zieht uns an. Das heißt, du brauchst überhaupt nicht nach hinten schauen, da kommt nichts. Du musst dich immer nach vorn orientieren, da ist etwas, was zieht.
Der
Teilhard-Spezialist Günther Schiwy: Die unendliche Energie, das Ur-Prinzip von allem, ist mitten in der Evolution der Welt, "irdisch", wirksam. Es lebt nicht etwa nur in den Kirchen! Sondern überall, wo Menschen die Erde hegen, pflegen, studieren, lieben. Einsichten und Erfahrungen, die Pierre Teilhard de Chardin schon als junger Mensch hatte: Ich habe die Natur verehrt und dabei meine Hochschätzung des Pantheismus erlebt, also der Auffassung, dass Gott alles ist und auch alles irgendwie göttlich ist. Aber durch die Lektüre der Briefe des Apostels Paulus entdeckte ich: Gott ist alles IN allen. Das heißt: Wir beziehen uns auf Gott, der noch größer ist als die Welt im ganzen. Von daher vertrete ich einen christlich geprägten "Pantheismus". Diese Überzeugung hat mir geholfen, später das vielfältige Material der Millionen Jahre währenden Evolution zu deuten. Einen seiner mystischen Texte hat Teilhard "Die Hymne an die Materie" genannt: Darin heißt es: "Gesegnet seiest du mächtige Materie, unaufhaltsame Entwicklung, immerdar werdende Wirklichkeit. Gesegnet seiest du, Dauer ohne Schranken, Äther ohne Küsten, du offenbarst uns die Ausmaße Gottes. Ich grüße dich, Materie, göttliche Wohnstatt, geladen mit schöpferischer Kraft. Nimm mich mit, Materie, in jene Höhen, wo mir vergönnt wird, das All zu umarmen". Teilhard ging es um eine Synthese, um eine Zusammenführung von Naturwissenschaften und christlichem Glauben. Was sich bisher feindselig gegenüberstand, wollte er versöhnen: die Evolution der Welt und die Anerkennung Gottes! Der Biologe Maurice Ernst von der "Teilhard - Gesellschaft" in Paris: "Eine große Originalität, ja sogar die Basis des Denkens von Teilhard de Chardin, besteht in seiner Vision der Naturgeschichte. Diese Geschichte ist zielgerichtet, sie hat einen Sinn, eine Richtung. Und der Sinn der Naturgeschichte ist die Entwicklung des Geistes. Dorthin strebt die Natur! Und Teilhard nennt das Ziel dieser Entwicklung den Punkt Omega". Die
Welt ist unterwegs zu einem alles versammelnden Punkt in ferner Zukunft, zu
einer Wirklichkeit, die Teilhard, biblischen Traditionen folgend, den
"Punkt Omega"
nennt, den vollendeten Zustand der Menschheit. Wenn die Welt nichts Statisches,
nichts Festes ist; wenn die Wirklichkeit im wesentlichen Werden ist, dann
gibt es Wege, Umwege, Irrwege innerhalb der Evolution. Das Neue ist immer
eine Überraschung, es ist nicht aus dem Alten nicht ableitbar. Aber diese vielfältigen
Strebungen der Evolution führen doch zu einem sinnvollen Ziel, zu einer
vollendeten, einer heilen Welt. Sie ist für Teilhard identisch mit dem "universalen
Christus". Teilhard
ganzheitliche, religiöse Interpretation der Evolution hat in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts Widerspruch erfahren. Es war auch intellektuelle Mode, nur für ein materialistisches Weltbild einzutreten und alle Ergebnisse der evolutiven
Entwicklung nur als blinden Zufall zu deuten. Teilhard verwies darauf , dass
auch die materialistische Interpretation nichts anderes
als eine Deutung ist: Auch sie ist von einem schon vorausgesetzten Glauben
geprägt. Heute wird Teilhards ganzheitlicher Ansatz mit Interesse aufgenommen, er findet immer häufiger Zustimmung. Etwa bei dem Freiburger Genetiker Professor Carsten Bresch: Für ihn läuft die Entwicklung der Welt auf ein Ziel zu, auf den Menschen als verantwortlich handelndes Wesen. Ähnliche Positionen vertritt der Chemiker Professor Lothar Schäfer aus Arkansas, USA. Über
Teilhards Leistung berichtet Günther Schiwy: So sehr Teilhard bis zu seinem Tod am Ostersonntag 1955 Wissenschaftler blieb und nichts leidenschaftlicher verteidigte als das unablässige Suchen und Forschen, so hatte er sich doch eine vorrangige Aufgabe gewählt: Er wollte sich mit seinen Überlegungen zu Religion, Theologie und Mystik die Christen befreien von dem dogmatisch - festen, statischen Weltbild. Er konnte es als Wissenschaftler nicht hinnehmen, wie naiv und entgegen aller Erkenntnis zuweilen geglaubt wurde, Gott habe an einem bestimmten Tag die Welt und dann ein paar Tage später den Menschen geschaffen. Er korrigierte auch die Vorstellung: Gott sei nur ein ferner Himmelsherr, ein Gesetzgeber und strafender Richter in einem unerreichbaren Jenseits. Man muss wissen, dass wir als Geschöpfe nicht allein jetzt auf diesen Weg gesetzt sind. Sondern da ist jemand, der geht nicht nur neben uns her. Sondern der ist unser innerstes Kraftzentrum, es ist etwas, was von Innen her da ist. Und dafür gibt es nun immens viele Zeugnisse, man muss nur die Augen aufmachen, man muss nur in sich selbst hineinhorchen. Das geht über die Kunst, über die großen Forscher, das geht über die vielen Menschen, die sich für andere hinopfern. Das sind doch Energien, die haben wir doch nicht aus uns selbst. Und wenn sie große Musiker fragen, große Dichter fragen usw., und wenn sie die Mutter fragen mit ihrem Kind: Ich will damit nur sagen, dass wir in einem Energiemeer schwimmen. "In
einem Energiemeer schwimmen". Ein Bild, das die stetige Gegenwart Gottes mitten
in der Welt beschreibt. Teilhard führte diese Erfahrung gelegentlich zu überschwänglichen
Formulierungen. Manchmal auch zu einem religiösen Enthusiasmus,
der aber niemals zu einem unreflektierten Schwärmertum wurde. Seine
Erkenntnisse haben immer auch einen sehr anspruchsvollen ethischen Impuls:
Sein Prinzip war: Wenn
der göttliche Geist die Welt zu immer höheren Qualitäten, zu immer qualifizierterem
Wissen führt, dann ist der Mensch in die Lage versetzt, dieser Entwicklung
auch persönlich zu entsprechen. Eine
Perspektive, die gerade heute inspirierend ist, meint Günther Schiwy: Unterschiedliches soll sich zu einer pluralen Einheit fügen, einer Einheit in der Vielfalt, die jedem einzelnen den Raum der Freiheit lässt: Darauf will die Evolution hinaus. Aber auf dem Weg dorthin gibt es immer wieder Unglück und Katastrophen, es gibt viel Nutzloses, Zerstörerisches, Böses. Die Evolution befindet sich im ständigen Kampf um den richtigen Weg nach vorn. Es ist manchmal schwer, sich an das alles tragende, alles verbindende "göttliche Milieu" zu halten. All das hat Teilhard genau gesehen. Er hat das auch erlitten, selbst, in der eigenen Familie, an eigenem Leibe. Er war in zwei Weltkriegen. Also man kann nicht sagen: Er war nur Optimist, der die Wirklichkeit nicht ins Auge gefasst hat, sondern in Träumen vom schönen Himmelreich gedacht hat. Aber gegen diese Erfahrung hat er auf die Grunderfahrung des Menschen gesetzt: "Gäbe es nicht die Lust am Leben, gäbe es auch nicht die Erfahrung des Unglücklichseins". Er hat immer dialektisch gedacht. Aber das Primäre, das Stärkere, ist für ihn letztlich diese positive Energie. Und weil es die gibt, gibt es auch für jeden Menschen die Möglichkeit, die Krisen durchzustehen. Schauen Sie, es gibt Berichte aus dem KZ: Wo Menschen dort in der größten Not und Erniedrigung sich an einer Pflanze, an einem anderen Menschen, dessen Augen noch leuchteten, aufgerichtet haben. Und sie haben diesen Schrecken überlebt. Aber das ist nicht das Entscheidende. Sondern, dass sie die Hoffnung behalten haben, dass das Schreckliche nicht das letzte Wort ist in der Entwicklung der Menschheit. "Vorwärts,
Menschheit, vorwärts", hat Teilhard gesagt. Er wollte mit
seinem Enthusiasmus vor Stillstand und Resignation bewahren. In Zeiten tiefer
Depression und Orientierungslosigkeit hat er eine "frohe Botschaft":
Folgen
wir dem unendlichen Geist, und nicht unseren kleinlichen Ängsten!"
Worte,
die persönlich trösten können. So
werden die Freunde Teilhards heute nicht müde, selbst große Rückschläge,
wie die Tsunami Katastrophe in Südasien, in einem positiven Licht
zu sehen: Pater Francois Euvé ist Jesuit, Physiker und Professor für Theologie
in Paris: Ein paradoxer Gedanke, der immer wieder in mystischen Erfahrungen formuliert wird: Auch Teilhard war davon überzeugt: In der Welt entwickelt sich Gott, er sucht sich selbst noch tiefer zu verstehen. Und im Denken der Menschen kommt ER selbst zu einem deutlichen Wissen seiner selbst. Gott selbst hat also eine Geschicht! ER WIRD selbst noch in der Welt, in der Evolution. Und weil Gott immer schöpferisch ist, ist er immer auf die Welt bezogen. Schon der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin glaubte deswegen, von einer ewigen Schöpfung sprechen zu müssen. Erst im Laufe der Weltgeschichte wird Gott ganz göttlich. Teilhard schreibt: "Es bleibt bestehen, dass wir Menschen die für das Wachsen und die Ausweitung Gottes notwendige Grundlage bilden". Der
polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat dazu bemerkt: Teilhard
hat der Kirche innerhalb der Evolution eine besondere Aufgabe
zugedacht, grundsätzlich sah er sie als Avantgarde der Menschheit: Wissen
doch die Christen genau, welche geistige Kraft die Welt bewegt und vorwärts
treibt: Günther Schiwy: Aber Teilhard erlebte die Realität der Kirche jedoch ganz anders: Er hatte als Jesuitenpater nichts als Schwierigkeiten mit den Führern der Kirche, er wurde ausgegrenzt, diskriminiert, verfolgt. Kein einziges religiöses, mystisches und theologisches Buch durfte er veröffentlichen. Rom übt strengste Zensur aus! Wie Untergrund-Literatur wurden seine Texte in Schreibmaschinen - Abschriften oder in Kopien verbreitet. Der Vatikan fürchtete die Evolutionslehre. Der Papst wollte nicht anerkennen, dass Materie und Geist eine Einheit bilden. Er wollte nicht wahrhaben, dass der Mensch als Geist-Leib-Seele-Wesen das Ergebnis einer Jahr-Millionen dauernden Evolution ist. Teilhard hat unter so viel Verachtung vor seiner intellektuellen Leistung auch körperlich gelitten. Er schreibt: Die Verwalter der Kirche haben nicht den Sinn dafür, was das wirkliche Leben ist. Die Kirche kommt mir noch wie ein Kind vor, sie hat noch gar nicht die universale Bedeutung Christi im Prozess der Evolution erkannt. Teilhards
Leistung als religiöser Meister wird heute weltweit anerkannt, auch wenn
die Diskussion über einzelne seiner Vorschläge und Einsichten weitergeht.
Vor
allem ist umstritten, welche Rolle die Kirche innerhalb einer göttlich geprägten
Evolution haben kann. Wenn die Arbeit an der Welt, wenn das Forschen
und Suchen und selbst die schlichteste Tätigkeit sozusagen ein Dienst an
Gott und seiner Wirklichkeit ist, dann ist die Kirche eigentlich zweitrangig.
Zuerst und vor allem finden die Menschen in der Welt zu Gott, das wollte
Teilhard vermitteln! Seine Freunde in den Teilhard-Studien-Kreisen erinnern
heute immer wieder daran. So wird der Kern des christlichen Glaubens für
sie etwas sehr Einfaches. Der Teilhard Spezialist Remo Vescia aus Paris: |