Prof. Dr. Eva-Maria Faber

 „Ein Feuer: fähig, alles zu durchdringen“ Christlich-universales Denken bei Pierre Teilhard de Chardin

 Die Religion hat zwei Gesichter: Das traditionelle Gesicht einer institutionellen Religion, wie sie durch die Kirchen geprägt wird. Daneben steht das neue Gesicht einer „universalen Religion“. Die universale Religion verzichtet auf ein bestimmtes Gottesbild, weil ein solches Gott eingrenzen würde. Sie bezieht sich auf eine höhere Macht mit wenig „Gesicht“, auf übersinnliche Kräfte, die alles durchwirken. Keim dieser Vorstellungen ist die Sehnsucht nach einem Göttlichen, das in allem ist. Der personale Gott des christlichen Glaubens, der Gott und Vater Jesu Christi, ist fremd geworden. Denn: wird er nicht zu begrenzt gedacht? Bleibt er nicht zu sehr ein Gegenüber? Das menschliche Sehnen nach Aufgehen in der Unendlichkeit scheint viel besser in einer göttlichen Sphäre aufgehoben, in der ich mich bewegen könnte wie ein Fisch im Wasser. Mit der ich distanzlos verbunden wäre, so dass die Energie des Göttlichen in mir strömte, ich das Göttliche einatmen könnte wie die Luft.

Dies beschäftigte Teilhard de Chardin bereits 1950: „Eine von den Heiden gegenüber den Christen immer häufiger vorgebrachte Kritik lautet: Durch die Tatsache, dass Jesus zwischen die Menschen und Gott gestellt wird, findet sich die Idee Gottes blockiert und für uns in ihren Entwicklungen wie geschmälert. Daraus folgt, dass das Christentum für uns moderne Menschen das Bedürfnis, anzubeten, nicht mehr nährte, sondern im Gegenteil lähmte! Ein Christus, der Gott verkleinert … Möge sich dieser tödliche Verdacht doch schnell und für immer verflüchtigen, von dem Augenblick an, da man, sensibilisiert für die moderne Mystik, gewahr wird, dass aufgrund genau der Eigenschaften, die ihn zunächst zu sehr partikularisieren scheinen, ein historisch inkarnierter Gott im Gegenteil der einzige ist, der nicht nur den unbeugsamen Regeln des Universums, wo nichts entsteht und erscheint als auf dem Weg der Geburt, sondern auch den ununterdrückbaren Neigungen unseres Geistes genügen kann“ (Herz der Materie 79).

Ein Christus, der die Idee Gottes blockiert, Gott verkleinert? Das ganze Lebenswerk Teilhards ist eine Widerlegung dieses tödlichen Verdachts. Er gelangte zu einer Weltsicht, die den „kosmischen Christus“ zur Mitte hat.

1. Der kosmische Christus
Der in Christus inkarnierte Gott ist nicht nur eine individuelle Person, eine Teilgröße des Universums. Er ist der kosmische Christus, in den hinein der ganze Kosmos konvergiert. Er ist der Zielpunkt der Evolution. Er zieht den ganzen Kosmos an sich. Er ist Anziehungspunkt der Evolution. Die Dynamik der Evolution hat eine Sinnrichtung hin zum Geist und zur Liebe. Teilhard beschreibt es poetisch: „Im Herzen der Materie erscheint ein purpurnes Leuchten, in dem sich die Bestimmung des Kosmos ankündigt, in Liebe vollendet zu werden. Das Leuchten der Materie geht über in das Gold des Geistes, um sich in der Glut des Universal-Personalen zu vollenden.“ Dieser evolutive Prozess kann nur stattfinden kraft der Bewegung von Gott her. Es ist die Bewegung, in der die Person Christi in den Kosmos eintritt, um alles zu ergreifen und die Welt zu einen. „Auf welche Weise eint er sie? Indem er zu einem gewissen Teil in die Dinge eintaucht, indem er sich zum ‚Element’ macht, und indem er dann, kraft des im Herzen der Materie gefundenen Stützpunktes, die Führung und den Plan dessen übernimmt, was wir heute Evolution nennen“ (Mensch im Kosmos 305). „So treffen sich zwei Bewegungen in der Weise, „dass die Materie Geist wird, – in eben dem Maße, mit dem die Liebe anfängt, sich überall auszubreiten“ (HdM 74).

Teilhard bringt im Blick auf Christus immer wieder diese Dynamik der Ausbreitung zur Sprache. Er beschreibt sie im Bild des Feuers und im Bild des Herzens. „Christus. Sein Herz. Ein Feuer: fähig, alles zu durchdringen, – und das sich nach und nach überall ausbreitete …“ (HdM 70). Und darum kann Teilhard beten: „Je tiefer wir Dir begegnen, Meister, um so universeller enthüllt sich Dein Einfluss“ (MW 139). Im kosmischen Christus werden menschlichen Grenzziehungen „hier ist Gott, dort nicht; hier wirkt die Gnade, dort nicht“ gesprengt. Teilhard betet zum „immer größeren Christus“, der seine „palästinensische Menschheit“ allmählich nach allen Seiten ausbreitet „wie ein vielfältig leuchtender Strahlenkranz, in dem Deine Gegenwart jedwelche andere Gegenwart und mich herum durchdrang, ohne etwas zu zerstören, indem sie diese überbeseelte … All dies, weil Du in einem Universum, das sich mir im Zustand der Konvergenz enthüllte, mit dem Rechtsanspruch der Auferstehung den Hauptplatz im totalen Zentrum, in dem sich alles versammelt, eingenommen hast! … Aber für mein Verständnis und meine Seele könnte nichts Dich liebenswerter machen, Herr, als meine Wahrnehmung, dass Du, im Tiefsten Deiner selbst immer offenes Zentrum, fortfährst, Dich zu intensivieren, – Dein Aussehen wird deutlicher –, in dem Masse, als, das Universum immer mehr im Herzen Deiner selbst sammelnd und unterwerfend …, Du Dich erfüllst (HdM 81f).

Für die „Christifizierung“ des Kosmos hat für Teilhard die Eucharistie eine zentrale Bedeutung. In ihr wird Kosmisches – die Materie, die Arbeit und Mühsal der Welt – dargeboten, um vom göttlichen Feuer ergriffen zu werden und selbst zum Ausgangspunkt für die Ausbreitung der göttlichen Gegenwart zu werden: „ein glühendes Herdfeuer, dessen Flamme ausstrahlt und sich ausbreitet“ (HdM 122). Das eucharistische Brot ist brennendes Brot, das in denen, die sich ihm überlassen, verglühen lässt, was zu eng ist für das Göttliche.

„Ohne zu zaudern werde ich zunächst meine Hand nach dem brennenden Brot ausstrecken, dass Du mir anbietest. In diesem Brot, in das Du den Keim der ganzen Entwicklung eingeschlossen hast, erkenne ich das Prinzip und das Geheimnis der Zukunft, die Du mir bereithältst. Es nehmen heißt, das weiß ich, mich den Kräften ausliefern, die mich schmerzlich aus mir herausreißen werden, um mich in die Gefahr, die Mühe, in die fortwährende Erneuerung meiner Ideen, in die herbe Loslösung von den Zuneigungen zu drängen. Es essen heißt, für das, was in allem über allem ist, eine Lust und eine Affinität zu gewinnen, die mir von nun an die Freuden unmöglich machen werden, an denen sich bisher mein Leben erwärmte“ (MW 133).

2. Das personale Prinzip
Es gehört zu den großen Kennzeichen des Werkes von Teilhard de Chardin, Anliegen einer „universalen Religion“ mit dem Glauben an den personalen Gott verbunden zu haben. Teilhard selbst erwähnt, wie die Entwicklung seines Denkens nahe am Abgleiten zu einer „niederen Form“ des „Pantheismus des sich Ausgießens und der Auflösung“ (HdM 39) war. Solcher Pantheismus (die Welt ist identisch mit dem Göttlichen ist) würde einer Auflösung Gottes in die Schöpfung und einer Auflösung der Schöpfung in Gott gleichkommen. Teilhards Denken aber erreicht andere Höhen. Er spricht von der universalen Gegenwart des Göttlichen in der Schöpfung und vom Einmünden der ganzen Schöpfung in die Vereinigung mit
Gott in Christus. Die Sphäre, in der Gott und Welt eins werden, das Ziel der Schöpfung aber ist nicht unpersonales Sein, sondern ein Du.

Teilhard sieht das Universum „in einem einzigen Punkt zentriert – in einer Person. Es ist ein Zentrum, „DAS ICH LIEBEN KANN“ (HdM 59). Dieses Du schenkt Vereinigung ohne Auflösung des Menschen. Die geschenkte Einheit ist „so vollkommen, dass ich in ihr, da ich mich verliere, die letzte Vollendung meiner Individualität finden kann“ (MW 130). Ich kann mein Sein in Gott hineinströmen lassen, das göttliche Sein in mich hineinströmen lassen, bin ganz von ihm umfangen und durchdrungen – eingehüllt und durchlebt aber von einer Liebe, die mich bejaht und aufhebt. Teilhard nennt diesen Gott: „Brennender Geist, personales und unergründliches Feuer, wirklicher Zielpunkt einer tausendfach schöneren und begehrenswerteren Vereinigung, als die von irgendeinem Pantheismus vorgestellte zerstörerische Verschmelzung“ (MW 125).

3. Der „Sinn für die Fülle“
Teilhard de Chardin ist ein staunender Mensch. Er vermag zu staunen über die Entwicklung, die der Kosmos nimmt. In seinem Buch „Der Mensch im Kosmos“ schreibt Teilhard: „Der Mensch ist nicht, wie er so lange geglaubt hat, fester Weltmittelpunkt, sondern Achse und Spitze der Entwicklung – und das ist viel schöner“ (23). Teilhard vermag zu staunen über die Inkarnation Gottes, der sich in den Schoss der Welt hineingibt. „Kraft seines Hineintauchens in den Schoss der Welt haben sich die großen Wasser der Materie ohne ein Erzittern mit Leben geladen. … Jetzt, Herr, gewinnen, durch die Konsekration der Welt, der im Universum schwebende Schein und Duft für mich Leib und Gesicht in Dir“ (MW 127f).

In solchem Staunen wagt es Teilhard, sich von überkommenen Formen der Gottsuche zu lösen. Der personale Gott ist nicht ein begrenzter Gott jenseits der Welt, so dass man sich ihm in einem mühseligen Prozess nähern müsste. „Ich habe noch heute nicht zu erproben aufgehört, welchen Zufällen sich der aussetzt, der sich – durch inneres Gesetz und innere Notwendigkeit – dahin geführt sieht, den gut ausgebauten, aber von jetzt an menschlich defizienten Weg einer gewissen traditionellen Askese zu verlassen, um in Richtung Himmel einen Weg (nicht der Mitte, sondern der Synthese) zu suchen, auf dem die ganze Dynamik der Materie und des Fleisches in das Werden des Geistes einmündet“. Wer entdeckt hat, wie alles auf Gott zuströmt, wird „zuweilen erschreckt innehalten (ohne stehen bleiben zu können …) vor der Neuheit, der Kühnheit und gleichzeitig vor der paradoxen Möglichkeit der Haltungen, zu denen er sich intellektuell und gefühlsmäßig gezwungen sieht, wenn er seiner grundlegenden Ausrichtung treu bleiben will: den Himmel zu erreichen durch Vollendung der Erde“ (HdM 69f). Es gibt keine Konkurrenz zwischen Gott, Christus, Welt, Erde. Man muss sich von der Welt nicht abwenden, um zu Gott zu gelangen, um Christus zu finden. So wird von Teilhard mit Recht gesagt: Das Problem und die Aufgabe Teilhards haben sein Leben lang darin bestanden, die Liebe zur Erde und die Liebe zu Christus so miteinander zu verbinden, dass die Erde nicht Christus, noch Christus der Erde geopfert werden muss, sondern dass in ein und demselben Lebensvollzug die Erde und Christus erreicht und geliebt werden können.

Die traditionellen Wege, sich Gott zu nähern im Zurücklassen der Welt, werden fragwürdig, wenn es doch darum geht, „die universale und immer wachsende Präsenz Gottes“ wachsen zu fühlen.

„Um von Religion zu reden, ich bin schrecklich froh, dass Du in Dir den Sinn für die universale und immer wachsende Präsenz Gottes wachsen fühlst. Geh in diese Richtung weiter so frei wie möglich, folge Deinem eigenen Instinkt, sammle Deinen ‚Honig’, wo Du ihn findest. Halt nur fest, dass der ‚Sinn für die Einheit’ eine kraftvolle Energie ist (oder wenn Du es vorziehst, ein sehr starkes Getränk), das mit ‚Unterscheidungsvermögen’ zu gebrauchen ist. Doch dass Du nichts riskierst, solange Du diese große Kraft als einen Ansporn gebrauchst, um persönlicher, aktiver, ‚liebender’ zu sein“ (Brief vom 8. Juni 1951).

Es geht darum, den „Sinn für das Pleroma“, den „Sinn für die Fülle“ (HdM 30), auszuprägen, welche die Gegenwart Christi in den Dingen wahrnimmt, das Feuer des Göttlichen im Herzen des Universums. „Das habe ich im Kontakt mit der Erde erfahren: das Durchscheinen des Göttlichen im Herzen eines brennenden Universums. Das Göttliche, strahlend aus den Tiefen einer feurigen Materie“ (HdM 28). Gott ist nicht jenseits der Schöpfung, so dass man sich von ihr entfernen müsste, um zu ihm zu gelangen. „Nein, die Reinheit ist nicht in der Absonderung, sondern in einer tieferen Durchdringung des Universums. Sie ist in der Liebe zum unumschriebenen, einzigen Wesen, das alle Dinge von innen durchdringt und durchwirkt – weiter als der sterbliche Bereich, in dem die Personen und die Zahlen sich bewegen. – Sie ist in einer keuschen Berührung mit dem, was ‚dasselbe in allen’ ist“ (Die geistige Potenz der Materie 113). Die Materie selbst ist in Bewegung und bildet einen Strom, der zu Gott hinträgt. „Bade dich in der Materie, Menschensohn. – Tauche in sie ein, dort, wo sie am gewalttätigsten und am tiefsten ist! Ringe in ihrem Strom und trinke ihre Flut! Sie hat ehedem dein Unbewusstsein gewiegt – sie wird dich bis zu Gott hin tragen!“ (Die geistige Potenz der Materie 113).

Gewiss, da gibt es die Versuchung, Heiliges greifbar haben zu wollen, in heiliger Materie, in heilenden Steinen, die „heidnische Versuchung“, Gott und Welt zu verwechseln. Doch muss man vor ihr Angst haben? Teilhard de Chardin geht positiv auf diese Versuchung ein. „Wie der Heide bete ich einen greifbaren Gott an. Ich berühre Ihn sogar, diesen Gott, durch die ganze Oberfläche und die ganze Tiefe der Welt, der Materie, in die ich hineingenommen bin“. Von selbst werde ich über die heidnische Versuchung hinausgeführt. „Doch, um Ihn zu fassen, wie ich möchte (einfach um Ihn weiter zu berühren), muss ich durch jeden Zugriff hindurch und über allen Zugriff hinaus immer weitergehen – ohne mich jemals in irgendetwas ausruhen zu können – in jedem Augenblick von den Geschöpfen getragen und in jedem Augenblick über sie hinausgehend – in einem fortwährenden Empfangen und einer fortwährenden Loslösung“ (MW 130).

Die Welt ist nicht identisch mit Gott, aber wer sich wirklich der Welt zuwendet, wird von ihr selbst über sie hinaus verwiesen. Er stößt auf eine Dynamik, die ihn wie von selbst zum Göttlichen, ja, zu Christus, führt. Teilhard selbst scheint es, als hätte ihn sein Denkprozess, selbst wenn er nicht schon Christ gewesen wäre, sein Denkprozess zu Christus hinführen müssen. „Um ganz Mensch zu sein, wäre ich wahrscheinlich gehalten gewesen, Christ zu werden“ (HdM 61).

4. Aufgesprengte Grenzen – Weg in die Erfüllung
Man hat Teilhard de Chardin vorgeworfen, er habe den Weg des Kosmos in das Göttliche hinein zu bruchlos verstanden. Ist es ein gerader, harmonischer Weg des Einmündens in das Göttliche? Teilhard beschreibt diesen Prozess durchaus dramatischer. So sehr der Kosmos auf Gott hin wächst – er hat nicht in sich selbst, was ihn vollenden könnte.

„Am Anfang stand das Feuer. … So bricht also nicht aus unserer Nacht nach und nach das Licht hervor, vielmehr räumt das präexistente Licht geduldig und unfehlbar unsere Dunkelheiten aus. Wir andern, die Kreaturen, sind aus uns selbst das Dunkle und das Leere. Du bist, mein Gott, der Grund selbst und die Festigkeit des ewigen Milieus ohne Dauer und Raum, in das schrittweise unser Universum emergiert und in dem es sich vollendet, indem es die Grenzen verliert, durch die es uns so groß erscheint“ (MW 125).

Dies ist ein Prozess, der auch mit Schmerz und Entäußerung zu tun hat. Soll der Kosmos sich in Gott vollenden, muss er seine Grenzen aufsprengen lassen. Soll der Mensch sich in Gott vollenden, muss er sich aus sich herausrufen lassen. Der Ruf in die Weite erfordert einen schmerzlichen Prozess der Weitung. „Weil aber der Zielpunkt, auf den zu sich die Erde bewegt, jenseits nicht nur jedes Einzeldings, sondern der Gesamtheit der Dinge liegt – weil die Arbeit der Welt darin besteht, nicht in sich selbst irgendeine höhere Wirklichkeit hervorzubringen, sondern sich durch Vereinigung in einem präexistenten Sein zu vollenden, zeigt sich, dass es für den Menschen, damit er zum Flammenzentrum des Universums gelange, nicht genügt, immer mehr für sich zu leben, und auch nicht, sein Leben in ein irdisches Vorhaben hineinzugeben, so groß es auch sein mag. Die Welt, Herr, kann letztlich Dich nur erreichen durch eine Art Umschlagen, Umkehr, Exzentration, in der für eine gewisse Zeit nicht nur das Gelingen der Individuen, sondern sogar das Äußerliche allen menschlichen Gewinns unterzugehen scheint“ (MW 134).

Das Eintauchen in die Gegenwart Gottes hat für den Menschen nichts Entfremdendes. Es ist eine Berufung, „die in den tiefsten Fasern meiner Natur wurzelt“ (MW 140). Darum regt sich im Menschen, begegnet er Gott, eine Ahnung, hier Erfüllung zu finden; in ihm kommt etwas zum Schwingen. „So beginnen, weil mir der endgültige, totale Gegenstand erschienen ist, auf den meine Natur abgestimmt ist, die Kräfte meines Seins spontan nach einer unglaublich reichen, einzigen Note zu schwingen“ (MW 130f).

Es ist Einstimmen und Einschwingen in eine Note, in der zusammenfindet, was wir von uns her schmerzlich nur als widersprüchlich erfahren; eine Note, „in der ich, mühelos miteinander vereint, die entgegengesetztesten Bestrebungen unterscheide: den Reiz des Handelns und die Freude des Erleidens; die Wollust des Festhaltens und das Fieber des Übertreffens; den Stolz, zu wachsen, und das Glück, in einem Größeren als ich selbst zu verschwinden“ (MW 131). Am Anfang stand das Feuer. Und am Ende: das Feuer der Liebe, die vereint und die Fragmente unserer Welt und unseres Lebens zum Ganzen bringt.

5. Ausblick
Zu seiner Zeit blieb Teilhard einsamer Visionär und ein angefochtener Theologe. Aber 1962 lehnte Papst Johannes XXIII. die Indizierung eines Buches über Teilhards Theologie ab. Drei Jahre später nahm das II. Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ (GS) nicht nur einzelne Gedanken von Teilhard de Chardin, sondern die Dynamik seines Denkens auf. Der „Übergang von einem mehr statischen Verständnis der Ordnung der Gesamtwirklichkeit zu einem mehr dynamischen und evolutiven Verständnis“ (GS 5) wird nun mitvollzogen. Gerade so scheint das Licht Christi auf, in dem „der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist“ (GS 10). Wie Teilhard nimmt das Konzil den Christusnamen „Alpha und Omega“ aus Offb 22,13 auf. „Der Herr ist das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte“ (GS 45). Das Lebensthema Teilhards ist auf der Tagesordnung des Konzils. Wenn Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ 2003 schreibt, er habe erfahren, wie universal und gleichsam kosmisch die Messe sei, dann zitiert er unübersehbar Teilhard de Chardin und seine Schrift „Messe über die Welt“.