Pierre Teihard de Chardin (1881-1955) gehört zu denen, die eine realistisch - hoffnungsvolle Einstellung zur Welt hatten, war Pierre Teilhard de Chardin. Er entwickelte eine Vision
des evolutionären Kosmos,
eine kulturellen Evolution und
eine Spiritualität, die sich mit der Wissenschaft versöhnt.

Teilhard gehört zu den Propheten des 20. Jahrhunderts. Als Theologe und hervorragender Naturwissenschaftler - Geologe, Paläontologe und Anthropologe - hat er sich mit den Krisen der Menschheit, wie sie seit dem Ersten Weltkrieg offenkundig geworden sind, auseinandergesetzt.
Während langer Aufenthalte in Asien und Amerika hat er in vielen Texten die Situation der Menschheit beschrieben und ihre Zukunftsaussichten erörtert. Der Weitblick Teilhards ist durch den weiteren Gang der Geschichte bestätigt worden. Auch für die weitere Zukunft, hat dieser Beobachter und Denker in entscheidenden Fragen richtig gesehen.
Als spiritueller Mensch war er dem Christentum verbunden. Es gab für ihn seit den Erschütterungen, die die Fronterfahrungen des Ersten Weltkrieges in Teilhard ausgelöst hatten, kein anderes Lebensprogramm, als zu den Christen zu gehören, die »mehr als jeder andere Mensch das Gewicht der Sehnsucht und der Mühsal ihrer Zeit tragen werden! ... Der Herr hat mehr als je einer das Leben der Menschen gelebt. Wir müssen sein wie er. Ohne die glühende Liebe zum Menschen werden wir wie Eisschollen auf dem Strom unserer Zeit dahintreiben« (an seine Cousine Marguerite am 23. Februar 1917).
Deshalb galt Teilhards Studium der Geologie und Paläontologie einzig dem Zweck, Auskünfte über die Gegenwart und Zukunft der Menschheit zu erhalten. Dass seine Überlegungen zu Fragen der Zeit heute aktuell sind, manche noch heute der Zeit voraus, machen Teilhard zum Propheten, der mit anderen Prophetien das Schicksal teilt:
»Es sind die Menschen, die die ersten Regungen eines Bedürfnisses oder die ersten Strahlen eines Lichtes verspüren. -
Jene, die stärker oder jünger sind als ihr Jahrhundert - jene, die zu früh geboren sind. - Ihre Lage ist voller Gefahren, Traurigkeit und Schönheit. - Wenn sie nicht glauben, werden sie nicht begriffen und stoßen sie sich an den Orthodoxien der Welt. - Wenn sie gläubig sind, ist ihr Leiden noch schlimmer... - Und doch ist ihre Rolle fruchtbar und notwendig.
Durch ihre Fragen, ihre neuen Notwendigkeiten verbreiten sie heilsame Unruhe. Doch die Ersten werden zermalmt wie die erste Welle ... Die große Versuchung ist die Revolte. Die große Freude ist, in der Einsamkeit voranzudringen. Es macht das große Paradoxon aus, dass die Rebellion manchmal providentiell und notwendig erscheint... « (
Tagebuch, 15. August 1917).
Nicht zuletzt wegen dieser Stellungnahmen zu den Fragen der Zeit erlitt Teilhard selbst das Schicksal der Propheten. 1924 erhielt er ein kirchliches Veröffentlichungsverbot für derartige Überlegungen, das mit einigen Ausnahmen bis zu seinem Tode aufrechterhalten wurde. Von 1926 bis 1946 war er in China und von 1951 bis zu seinem Tode in Amerika.

Teilhard variiert - darin den »Propheten« aller Zeiten ähnlich - einige Grundüberzeugungen:

Auf dem Hintergrund dieser Überzeugungen beschreibt Teilhard
die
Liebe als kosmische Energie,
setzt er sich mit der
Existenz des Übels, der Bosheit und des Todes auseinander,
entwirft er ein
neues Gottesbild und eine Religion der Evolution,
fordert er die
Weiterentwicklung der Individual- und Sozialmoral,
diskutiert er den
Wissenschafts- und Fortschrittsglauben,
beurteilt er die
politischen Systeme im Hinblick auf die Hoffnungen der Menschen,
sieht er in der Ächtung des Krieges die einzige Überlebenschance einer atomar bewaffneten Menschheit,
warnt er vor der heute offenkundig gewordenen Weltwirtschafts- und Ökologiekrise und
skizziert er in
Verlängerung der Entwicklungsgesetze des Kosmos das mögliche Ende dieser Welt.

»Liebt euch, oder ihr geht zugrunde!« - Über die geheimnisvollste der kosmischen Energien

Seit Teilhard 1912 seiner Cousine Marguerite Teilhard-Chambon in Paris begegnete, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte, und durch die Bekanntschaft 1919 mit der Feministin Leontine Zanta, 1924 mit der Marxistin Ida Treat, 1929 mit der Künstierin Lucie Swan und 1935 mit der Atheistin Rhoda de Terra, weiß er, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Er erkennt darüber hinaus:
Die Liebe ist die geheimnisvolle Kraft, die auf eine zunehmende Vereinigung aller Wesen hindrängt und deshalb - wenn auch auf unterschiedliche Weise - auf allen Stufen des Universums anzutreffen ist.
Ein Höhepunkt dieser Liebe ist zweifellos die geschlechtliche Anziehung zwischen den Menschen. Sie befindet sich gegenwärtig in einer krisenhaften Neuorientierung: Da die Evolution auf eine Zunahme des Geistes und des Personalen drängt, scheint die bisher vorherrschende Aufgabe der geschlechtlichen Vereinigung, zurückzutreten zugunsten der personalen Hingabe. Diese Liebe darf sich nicht als »Egoismus zu zweit« missverstehen, sondern muss sich als Zentrum und Element der fortschreitenden Vereinigung des Universums begreifen - das heißt für Gott offen sein.
Weil die Liebe die Lebenskraft des Universums, ist ihr Missbrauch verhängnisvoll und eine Vergeudung der zur Weiterentwicklung benötigten Energien. Das zu erkennen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, ist das Gebot der Stunde.

»Schmerz und Schuld, Tränen und Blut« - Das Übel, das Böse und der Tod

Man hat Teilhard vorgeworfen, er würde das physische Übel und das moralische Böse verharmlosen. Davon ist keine Rede. Was die Kritiker irritiert hat, ist die Deutung, die Teilhard den Schattenseiten des Universums gegeben hat.
Teilhard ist aus wissenschaftlichen und religiösen Gründen davon überzeugt: Übel und Böses sind ursprüngliche Mängel der Schöpfung, welche weder nur auf den Menschen selbst noch auf eine böse Macht (Satan) zurückgehen. Übel und Böses sind der Preis, den die Entwicklung des Universums kostet.
In einem dynamischen Universum sind Wachstumskrisen vorgegeben, wenn die Entwicklung nicht total gesteuert verläuft, sondern aus Eigenbewegung besteht, die ihren Weg durch tastendes Suchen finden muss.
Die Eigenbewegung gipfelt in der Freiheit des Menschen, der sich freilich der Bewegung und der Zielsetzung verweigern und dadurch individuelle und kollektive Endkatastrophen herbeiführen kann.
So sehr diese Schattenseiten, die im Tod kulminieren, unser Leben bestimmen, so ratlos wir sind, bei dem Bemühen, dem Übel, auch dem Tod, eine gute Seite abzugewinnen; Teilhard hat unerschütterlich daran geglaubt, dass der Aufbau der Welt ein schwieriges Unterfangen ist und die Zukunft des Universums eine Eroberung, bei der unverschuldetes und verschuldetes Leiden unvermeidlich sind. Diese Einsicht kann unsere Mitverantwortung für das Ausmaß des Leidens nicht mindern, sondern nur steigern.

»Unendlich nah und überall« - Der Aufstieg Gottes und die Religion der Evolution

Die Entwicklung der Sinnfrage seit Teilhards Tod hat diesem Denker recht gegeben: Mit zunehmender Kompliziertheit der Weit und dem moralischen Unvermögen der Menschheit, ihre Probleme ohne eine höhere Zielsetzung zu lösen, kommt die Frage nach dem Zusammenhang und dem Sinn des Ganzen.
Dem versuchen die traditionellen und neu entstehenden Religionen zu begegnen. Es genügt aber nicht, alte Antworten zu geben. Die Welt der Gegenwart und die der Zukunft, braucht ein neues Gottesbild, das mit dem evolutiven Weltbild im Einklang steht. Teilhard macht darauf aufmerksam, dass kein Widerspruch besteht zwischen dem christlichen Glauben an die Schöpfung durch Gott und der Annahme der Evolution. Man muss nur die Schöpfung begreifen als Gottes Tat, die bewirkt, dass die Dinge selbst wirken.
Gottes Wirksamkeit erfolgt nicht von »außen«, sondern aus dem »Innern« der Geschöpfe. In dem Maße, als sie sich ihrem eigenen »innen« und dem der anderen Geschöpfe öffnen, werden sie Gottes »inne«. Von daher erledigt sich auch die Streitfrage, ob der Glaube an die Welt und der Glaube an Gott sich ausschließen. Vielmehr bedeutet an Gott glauben in einer sich entwickelnden Welt, diese Entwicklung zu unterstützen und die Verantwortung für sie zu übernehmen.
Diese Glaubensüberzeugung entspricht dem zentralen christlichen Bekenntnis: Christus ist Ausgangs- und Einigungspunkt des Universums. Das Christentum könnte, wenn es sich darauf besänne, die Religion der Zukunft werden.

»Die Kraft eingrenzen, das ist Sünde« - Moral in einer sich entwickelnden Welt

Nach Teilhard hat die Entwicklungsgeschichte des Universums mit der fortschreitenden Evolution des Menschen eine entscheidende Schwelle überschritten. In dem Maße, als die Menschheit durch ihr Wissen und ihre Technik imstande ist, die weitere Entwicklung des Universums zu bestimmen, liegt dessen Schicksal in unserer Hand. Die atomare und die ökologische Krise, die wir heute erleben, bestätigen Teilhards Voraussicht.
Das menschliche Handeln hat kosmische Dimensionen. Etwas davon sollte auch die tägliche Arbeit des einzelnen prägen. In ihr werden die Tugenden der Menschheit eingeübt, ohne die wir unserer Weltaufgabe nicht gerecht werden können:
Überwindung der Trägheit,
Pflege der schöpferischen Phantasie,
Loslösung aus zu engen Perspektiven,
Aufbruch zu immer neuen Ufern.

In einem in Bewegung befindlichen Universum ist eine Moral der Bewegung vonnöten. War die Aufgabe der Moral in einer statisch aufgefassten Welt vor allem die Verteidigung des Bestehenden, dann wird die Moral der Bewegung den Menschen anspornen, seine eigene und der Welt Weiterentwicklung gemäß den erkennbaren Entwicklungsgesetzen voranzutreiben.
Nach ihnen liegt die Zukunft der Welt in der vom Geist der Liebe inspirierten Entfaltung des einzelnen, die zu einer wachsenden Vereinigung aller führt - ein abenteuerliches Unterfangen, das den ganzen Einsatz des Menschen erfordert, soll es nicht in den Sackgassen des Individualismus und Kollektivismus enden.
Das Ziel wird nur erreicht, wenn alle Menschen ohne Unterschied der Rassen zusammenwirken, ohne dabei ihre Eigenart zu verleugnen oder gar aufzugeben. Die der Evolution entsprechende Vereinigung besteht in der Einheit des Mannigfaltigen, nicht in Uniformität. Angesichts dieses gemeinsamen Ziels und des schwierigen Weges dahin sind falsches Konkurrenzdenken heute ebenso überholt wie kriegerische Auseinandersetzungen.

»Immer mehr suchen müssen« - Die Krise der Wissenschaften und des Fortschritts

Teilhard hat in seiner Studienzeit den Fortschrittsglauben miterlebt. Dieser wurde erstmals durch den Ersten Weltkrieg erschüttert. Es war der naive Glaube an Wissenschaft und Technik, der nicht die enormen Zeiträume einkalkuliert hatte, die jeder Fortschritt im Rahmen der Evolutionsgeschichte beansprucht. Auch erwartete man von den Wissenschaften, was sie nicht leisten können: die Materie, das Leben und den Geist restlos zu erklären.
Trotzdem gibt es auf die Dauer keine Weiterexistenz der Menschheit, wenn sie die Lust am Leben verliert. Diese kann nur erhalten und vermehrt werden durch eine überzeugende Perspektive für die Zukunft.
Stagniert die Entwicklung der Welt, die ihre jetzige Gestalt unbestreitbar einer unmerklichen, unaufhaltsamen und gerichteten Bewegung verdankt? Hat sich die Evolution im Menschen erschöpft? Auf keinen Fall im geistigen Bereich und in der von ihm zu steuernden sozialen Organisation der Menschheit.
Dieser Fortschritt erfordert eine neue Art menschlichen Wissens und Gewissens und eine enorme Anstrengung aller Menschen. Es ist ein Fortschritt vor allem moralischer Art.
Schon 1930 widerlegte Teilhard den Einwand, der auch heute noch erhoben wird: Das Entropie-Gesetz über den zunehmenden Ausgleich aller Energieunterschiede bis hin zum Kältetod des Universums verurteile jede Anstrengung für den Fortschritt letztlich zur Ergebnislosigkeit. Dieses Gesetz gilt jedoch nur für geschlossene physikalische Systeme.
Die Phänomene des Lebens, erst recht die Aktivitäten des Geistes zeigen die gegenläufige Tendenz: die Entwicklung immer komplizierterer Energiezentren.
Eine Gefahr für die im Bereich der menschlichen Sozialisation sich fortsetzende Evolution liegt weniger in einer Stagnation menschlicher Produktion als vielmehr in einer sich verselbständigenden Überproduktion. Die Aktualität dieser Visionen aus den Jahren 1920 bis 1950 ist erstaunlich.

»Nicht Absonderung, sondern Synthese« - Möglichkeiten und Grenzen der politischen Systeme

Teilhard, von Haus aus monarchistisch, hat im Laufe seines Lebens eindeutig für die Demokratie als die Gesellschaftsform der Zukunft plädiert. Er hat ihre Schwäche, in Individualismus und Anarchismus zu entarten, wohl gesehen. Nach ihm wären kollektivistischer Kommunismus und faschistische Regime nicht entstanden, hätten die Gesellschaftsformen des 19. Jahrhunderts mehr dem demokratischen Ideal entsprochen.
Die ideale Gesellschaftsform leitet Teilhard aus der Eigentümlichkeit der menschlichen Art ab. In ihr gibt es nur ein gedeihliches Zusammenleben, wenn einerseits der Einzelne von der Gesellschaft respektiert und seine Entfaltung garantiert wird und wenn andererseits der Einzelne seine Entfaltung ernst nimmt und sich selbst in die Gesellschaft einbringt.
Wie der Einzelne verkümmert, wenn er sich absondert, so sind auch die Völker, Rassen und Kulturen, die sich isolieren, im Abseits der Entwicklung.
Die Einbeziehung aller Kulturen, gleich welcher Entwicklungsstufe, in die kommende Weltgesellschaft bedeutet eine neue Phase in der Menschheitsgeschichte und in der Evolution des Universums.

»Den Reichtum einer Welt bewahren« - Die ökonomische und ökologische Krise

Dass es in den beiden Weltkriegen immer auch um wirtschaftliche Machtkämpfe ging, blieb Teilhard nicht verborgen, ebenso wenig, dass Kapitalismus und Kommunismus die Natur rücksichtslos ausbeuten. Ein gigantischer weltweiter Kampf um die Verteilung der Rohstoffe ohne Rücksicht auf die hereinbrechende ökologische Krise steht bevor.
In dieser Situation gehört Teilhard bereits in den fünfziger Jahren zu den wenigen Rufern in der Wüste. Er verweist auf das Missverhältnis zwischen der Plünderung der Erde, der wachsenden Weltbevölkerung und dem Zurückbleiben der Forschung auf dem Gebiet der Nahrungsmittelversorgung.
Dabei gibt sich Teilhard keinen Illusionen hin: Das alte Gleichgewicht zwischen Natur und Zivilisation kann nicht wieder hergestellt werden, es gibt in der Evolution kein Zurück. Der Mensch muss an die Stelle des »natürlichen« Gleichgewichts ein neues schaffen, und das unter Zeitdruck.
Dabei kann er auf sein wissenschaftliches und technisches Können nicht verzichten, er muss es sogar steigern, um der Probleme Herr zu werden.
Schon 1937 fordert Teilhard zur Bewältigung dieser Überlebenskrise die internationale Zusammenarbeit. Ziel der gemeinsamen Anstrengungen muss eine befriedete und versorgte Menschheit sein, die ihre Energien nicht verschwendet, sondern für die Weiterentwicklung des Universums einsetzt.
Eine solche globale Zielsetzung wird auch die Arbeitslosigkeit, das Ergebnis rein profitorientierter Wirtschaften, beseitigen, ohne den Elan der Entwicklung zu bremsen. Was fehlt, ist die Sinngebung für ein solches weltweites und zukunftsorientiertes Engagement.
Es kann nach Teilhard nur aus der Einsicht kommen: die Zukunft dieser Welt liegt in unseren Händen, in der Hand eines jeden. Es wird nur eine Zukunft geben, wenn der natürliche Reichtum der Erde aufgenommen wird in eine Lebensform, die von Liebe geprägt ist und in der alles die Chance seiner Entfaltung hat.

»Ein Gefühl, das überwunden werden muss: die Hoffnungslosigkeit« - Das Ende der Welt und die außerirdischen Wesen.

Teilhard hat in kritischen Situationen seines Lebens eine entscheidende Erfahrung gemacht, die sich mit Beobachtungen in der Evolutionsgeschichte deckt: Das Leben erreicht nicht die nächste Stufe der Entwicklung, wenn es aus irgendeinem Grund seinen Elan verliert oder resigniert. Während Irrwege evolutionsbedingt und korrigierbar sind, da die Entwicklung durch tastendes Suchen vorangeht, stirbt die Evolution, wenn das Leben sich erschöpft oder nicht mehr an sich glaubt.
Angesichts dieser Möglichkeiten des Scheiterns erfasst den Menschen eine panische Existenzangst. Sie ist für Teilhard ein Zeichen dafür: der Mensch und in ihm das ganze Universum sind zum Überleben bestimmt.
Absolute Hoffnungslosigkeit ist unmenschlich und oft das Produkt von Ungeduld angesichts der ungeheuren Zeiträume, in denen die Evolution voranschreitet.
Das gilt auch für die Menschheitsgeschichte trotz der bei ihr festzustellenden Beschleunigung im Vergleich zu den vorangegangenen Entwicklungsphasen.
Man darf die weitere Entwicklung der Menschheit nicht in der falschen Richtung suchen. Sie liegt im geistigen und gesellschaftlichen Bereich. Dort scheint die Zukunft gerade erst begonnen zu haben und ist imstande, in der Menschheit neue Energien freizusetzen und sie von den Fesseln zu befreien, die sie sich durch ein statisches Denken und Verhalten selbst angelegt hat.
Trotzdem ist mit zunehmender Entwicklung der Menschheit auf ihr Endstadium hin die Gefahr des Scheiterns nicht ganz behoben. Da die Evolution im Menschen auf immer größere Selbstbestimmung zielt, ist eine Endkatastrophe für einen Teil der Menschheit nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen.
Der Mensch kann sich gegenüber dem verweigern, wonach er sich im tiefsten Wesen sehnt: nach restloser Erfüllung durch eine alles umfassende Liebe im Punkt Omega. Teilhard war davon überzeugt, dass die göttliche Dimension des Lebens die meisten Menschen letztlich doch für sich gewinnen wird.
Das Schicksal jedes einzelnen wie der gesamten Menschheit, wie immer es auch ausgehen mag, verliert zwar nicht an Bedeutung, aber doch an Exklusivität bei dem nicht absurden Gedanken: Es existieren noch weitere Welten mit uns vergleichbaren »Menschheiten« alle auf dem Wege zu dem gemeinsamen Punkt Omega, dessen Nähe und Unendlichkeit uns zugleich erschreckt und fasziniert.

Die Welt geht nicht unter

Teilhards wissenschaftliche Überlegungen und soziale Visionen zeigen ihn als hoffnungsvollen Denker, der vom Überlebenswillen der Menschheit und aller Lebewesen überzeugt war:

  1. Der Kosmos hat nicht nur einen Anfang, der dem Kosmos vorangeht, sondern auch ein Ziel, das den Kosmos übersteigt. In der Bewegung auf dieses Ziel hin macht die Menschheit eine kulturelle Evolution durch.
  2. Die Kraft, die uns Menschen lockt, ist die Liebe, die uns im Innersten erfassen kann. Sie stillt unsere tiefsten Sehnsüchte, gibt uns Sinn und hilft uns auf ein gemeinsames Ziel.
  3. Die Menschheit wird immer vernetzter und kommunikativer. Schwierigkeiten sind immer schneller behebbar. Das sind Anzeichen einer kulturellen Evolution, die von einer Kraft in unserem Inneren gespeist wird.
  4. Die Schöpfung ist wie eine Frau unter Geburtswehen. Die Zukunft wird aus dieser Schöpfung geboren. Trotz dem Leiden kann die Lust am Leben und an der Weiterentwicklung nicht verloren gehen.
  5. Kosmische Katastrophen werden vermieden, weil die Mehrheit der Menschen auf die Lebens- und Liebeskraft vertraut, die das Gute unterstützt.

Nelly Sachs schreibt über die Möglichkeit von Menschen, die „das Ohr den Propheten“ leihen.

Wenn die Propheten einbrächen
durch die Türen der Nacht,
den Tierkreis der Dämonengötter
wie einen schauerlichen Blumenkranz
ums Haupt gewunden -
die Geheimnisse der stürzenden und sich hebenden
Himmel mit den Schultern wiegend -
für die längst vom Schauer Fortgezogenen -
Wenn die Propheten einbrächen
durch die Türen der Nacht,
die Sternenstraßen gezogen in ihren Handflächen
golden aufleuchten lassend -
für die längst im Schlaf Versunkenen -
Wenn die Propheten einbrächen
durch die Türen der Nacht
mit ihren Worten Wunden reißend
in die Felder der Gewohnheit,
ein weit Entlegenes hereinholend
für die Taglöhner
der längst nicht mehr wartet am Abend -
Wenn die Propheten einbrächen
durch die Türen der Nacht
und ein Ohr wie eine Heimat suchten -
Ohr der Menschheit
du nesselverwachsenes,
würdest du hören?
Wenn die Stimme der Propheten
auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder
blasen würde,
die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte
ausatmete -
wenn sie eine Brücke aus verendeten
Greisenseufzern baute -
Ohr der Menschheit
du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,
würdest du hören?
Wenn die Propheten
mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen
wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den
Worten:
Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis
wer will den Sterntod erfinden?
Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
würdest du ein Herz zu vergeben haben?