Teilhard-de-Chardin-Gesprächskreis
am 10/12/02
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Bezugnehmend auf die
gegenwärtige Diskussion über die Genforschung legten wir zugrunde:
Teilhard de Chardin, "Der Mensch im Kosmos" und ein Referat von
Dr. Barbara Nichtweiß, Mainz, gehalten im Hessischen Rundfunk am 08/010/00
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| Barbara Nichtweiß: |
| ...Das Unternehmen einer
'zweiten Schöpfung' ist im Gange. Das menschliche
Erbmaterial ist in einem ersten Durchgang erfasst. Man arbeitet daran, Erbanlage
für Krankheiten zu identifizieren und im Embryonalstadium
auszumerzen. Auch die Gene, die für den natürlichen Alterungsprozess
verantwortlich sind, hat man bei primitiven Lebewesen ausfindig gemacht.
Sie wurde verändert und die manipulierten Geschöpfe (Würmer) wurden doppelt so
alt wie ihre natürlichen Artgenossen |
| Was ist vom christlichen
Glauben von der neuen, zweiten Schöpfung zu halten? |
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In der katholischen
Theologie des 20. Jahrhundert war es zuerst Teilhard de Chardin, der
die Erkenntnisse über die Evolution und die Bedeutung der technischen
Entwicklungen in einer christlichen Gesamtschau zusammengefasst hat. Um
1940 schrieb ein in "Der Mensch im Kosmos", dass die Entwicklung
des Lebens im Menschen mit seinen geistigen Fähigkeiten zwar derzeit
einen Höhepunkt erreicht habe, aber noch keineswegs ihren Abschluss. Die
Evolution wird in einem immer rascheren Tempo weitergehen; nun durch
die aktive Mitwirkung der Menschen. Das Künstliche löst das
Natürliche ab. Global wächst die Menschheit zusammen, vor
allem durch eine noch intensivere wissenschaftliche Forschung und
technische Entwicklung: Stillstand und Rückschritt sind unmöglich. Die
Menschheit braucht eine Hoffnung, in der sie über sich selbst
hinauswächst auf ein gemeinsames Ziel hin. |
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| Teilhard sah voraus, dass
'uns die Entdeckung der Gene bald die Kontrolle des Mechanismus der
organischen Vererbung gestatten werde. Der Mensch muss auch diese Mittel zu seiner körperlichen
Vervollkommnung nutzen . |
| Alle Entwicklungen
würden schließlich in einer immer größeren Konzentration zu einem
idealen Endzustand der Menschheit führen, den wir uns jetzt noch kaum
vorstellen können. Dieser Endzustand wird zugleich einen tiefen
religiösen Charakter haben. Denn die vollendete Menschheit kann nirgendwo
anders ihr letztes Ziel finden, als in einem göttlichen Bereich
allumfassender Liebe, einer Liebe, die niemand anders ist, als Christus
selbst. |
Diese wissenschaftlich-religiöse
Vision von Teilhard prägt bis heute das christliche Denken. Leonardo Boff
schreibt 1998 in "Der Flug des Adlers": Der Mensch darf nicht
wie ein ängstliches Huhn auf dem Boden dieser Erde hocken bleiben. Alle
uralten Träume zeigen, dass es seine Bestimmung sei, sich
wie ein Adler über die alten Grenzen zu erheben und sogar den Weltraum zu
erobern, selbst wenn es dafür technisch nötig wäre, dass der Mensch mit
seinen Maschinen verschmilzt.
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| Ist der Mensch selbst zum großen Fragezeichen
geworden? Was bisher unverrückbar zum Menschenleben gehörte -
die Unverfügbarkeit seiner Geburt, seiner Erbanlage, die begrenzet
Lebenszeit -, ist beeinflussbar. Muss der Mensch diese Grenzen
unbedingt aufrechterhalten, obwohl er sie doch hinausschieben und
verändern kann? Bis wohin darf der Mensch als Ebenbild des
göttlichen Schöpfers sich vorwagen beim Unternehmen der
"Zweiten Schöpfung"; wo beginnt die Anmaßung, so sein zu
wollen wie Gott? Für die Bibel ist die Beachtung der Grenze
entscheidend für Heil oder Unheil. Darum bemüht sich die Kirche,
diese Grenze zu bestimmen. Wo immer der Mensch als Schöpfer seiner
selbst zu handeln beginnt, wo die Vorgänge um Geburt und Tod
technisch tiefgreifend verändert und
manipuliert werden, wo mit den Erbanlagen menschlicher Embry- |
onen
experimentiert wird, ist seitens der Kirche das "Nein" zu
hören. Der erste Paukenschlag in dieser Richtung erfolgte
vor dreißig Jahren im Verbote der künstlichen
Empfängnisverhütung: "Humanae vitae". Diese Entscheidung
hat Risse nicht nur zwischen Kirche und moderner Welt,
sondern auch innerhalb der Kirche hervorgerufen. Sie sind bis heute
nicht verheilt. Doch kein Kopfschütteln, keine zum Teil einsichtige
Kritik und kein Spott hat diese mit "Humanae vitae"
weinsetzende Abwehrhaltung gegenüber den Fortpflanzungstechniken
bisher erschüttern können. Hier ist Rom zusammen mit anderen Religionen
die Bastion des Widerstandes gegenüber der wachsenden technischen Macht
der Menschen geblieben. Wer aber kann wissen, welche der
widerstreitenden Haltungen auf weitere Zukunft hin sich als die
letztlich weisere herausstellen wird? |
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Das Wesen der modernen Technik ist zweideutig. Die
Technische Entwicklung wird aber weitergehen. Man wird ihr nicht
unreflektiert einen automatischen Lauf lassen dürfen. Man muss sie mit
kritischer Wachsamkeit begleiten. Die bisherigen Auseinanderssetzungen
sind allenfalls nur erster Vorgeschmack dessen was uns noch
bevorstehen wird. |
| Was daraus zu lernen ist: |
| Die Einsicht, dass der
Fortschritt der wissenschaftlichen Einsichten uns nicht gleichgültig
lassen darf . Täglich wird Neues entdeckt. Täglich stößt der Mensch in neue
Dimensionen des Lebens vor. Man kommt aus dem Staunen nicht
heraus, befasst man sich damit bewusst. Die Entwicklungen verändert
nicht nur das Bild von uns selbst, sie werden auch den Werdegang der
Menschheit und das Leben jedes einzelnen verändern. Der
"abenteuerliche Weg der Menschheit", wie Teilhard sagt, ist noch
lange nicht zu Ende. |
| Wir werden dem Fortschritt
nur gewachsen sein, wenn in gleicher Weise auch unsere ethischen Kräfte und unsere Spiritualität mitwachsen. Auch das
ist ein Abenteuer, denn der Glaube muss manche Eierschalen
abstoßen und in eine tiefere Dimension vordringen, um Orientierung in den vielen neuen Fragen zu finden. Ohne
die spirituelle Verankerung,
so Teilhard, wird die technische und soziale Fortentwicklung der
Menschheit ihre Orientierung verlieren und in einer Katastrophe enden. |
| Die spirituelle Vertiefung
und Suche ist nicht nur eine Aufgabe für die Kirche. Wir alle
brauchen sie in unserem Alltag im verantwortungsbewussten Umgang
mit den neuen technischen Möglichkeiten. |
| Die neuen Möglichkeiten
eröffnen viele Freiheiten und Chancen. Aber sie üben auch neuen
Druck aus. Sie nehmen uns gefangen und berauben uns früherer
Fähigkeiten. Die Kraft zum Verzicht und Abstand darf nicht verloren
gehen. Nur wenn wir uns Freiräume zur Besinnung und zum Atmen schaffen, können wir zur
Mitte finden, zum Maß unserer Existenz als Mensch, zwischen Maßlosigkeit
und Kleinmut, wir, die Geschöpfe Gottes, aus dieser Erde erschaffen, kleine
Teile eines gewaltigen Universums und doch zugleich Ebenbilder seines
Schöpfers. |
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| Teilhard de Chardin:
"Der Mensch im Kosmos"; aus Kapitel 3, Die Entdeckung des
Menschen. |
| "Wenn die Menschheit
einmal erkannt haben wir, dass ihr wichtigste Aufgabe darin besteht, die
Energien, die uns umgeben, geistig zu durchdringen, zu vereinheitlichen
und einzufangen, um sie noch besser zu verstehen und zu meistern, dann
wird sie sich entfalten können, ohne befürchten zu müssen, je an eine
äußere Grenze zu stoßen. Ein kommerzieller Markt kann gesättigt sein.
Eines Tages werden wir unsere Bergwerke und Erdölquellen geleert haben
und werden sie durch etwas anderes ersetzen müssen. Doch offenbar gibt es
nichts auf Erden, was unsere Wissbegier sättigen oder unsere
Erfindungskraft erschöpfen könnte. Denn von der einen wie von der
anderen kann man sagen: crescit eundo. |
| Jedoch das will nicht
besagen, dass sich die Wissenschaft unterschiedslos nach allen Richtungen
zugleich verbreiten soll wie eine Welle in einem istotropen Medium. Je
mehr man schaut, um so mehr sieht man. Aber man sieht auch um so besser,
wohin man schauen muss. Das Leben konnte fortschreiten, weil es durch
seine Tastversuche nach und nach die Punkte des schwächsten Widerstandes
fand, wo die Wirklichkeit seinen Anstrengungen nachgab. Wenn die Forschung
morgen ebensolche Fortschritte machen soll, so muss sie sich vor allem an
die zentralen Zonen halten, die empfindlichen Zonen, die lebenskräftigen
Zonen, deren Eroberung mühelos die Beherrschung alles übrigen sichern
wird. |
| Unter diesem Gesichtspunkt
kann man voraussagen, dass eine künftige Ära menschlicher Wissenschaft
im höchsten Maß eine Ära der Wissenschaft vom Menschen sein wird: der
wissende Mensch, der endlich wahrnimmt, dass der Mensch als Gegenstand des
Wissens der Schlüssel der ganzen Naturwissenschaft ist. |

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| Bisher kreiste die
Wissenschaft, aus Vorteil oder aus Angst, beständig um den Gegenstand
Mensch, ohne es zu wagen, ihn direkt anzugehen. Materiell scheint unser
Leib so unbedeutend, so zufällig, so vergänglich, so gebrechlich. Wozu
sich mit ihm beschäftigen? Psychisch haben wir eine so unglaublich
subtile und verwickelte Seele. Wie kann man sie mit einer Welt der Gesetze
und Formeln in Einklang bringen? |
| Je mehr wir uns in unseren
Theorien bemühen, den Menschen auszuschließen, um so enger werden die
Kreise, die wir um ihn herum beschreiben, als würden wie in seinen Wirbel
hineingezogen. In meinem Vorwort habe ich daran erinnert, dass die Physik
am Ende ihrer Analysen nicht mehr recht weiß, ob sie noch mit reiner
Energie zu tun hat, oder ob es im Gegenteil ein Denken ist, was ihr in
Händen bleibt. Die Biologie sieht sich auf der Höhe ihres Lehrgebäudes,
sondern sie der Logik ihrer Entdeckungen treu bliebt, dazu geführt, die
Gesellschaft der denkenden Wesen als die augenblicklich letzte Form der Schöpfungen
der Evolution zu betrachten. Der Mensch unten; der Mensch oben; der Mensch
in der Mitte; und vor allem: der Mensch, der in uns und um uns lebt, sich
ausbreitet und so furchtbar zu kämpfen hat. Man wird sich schließlich
doch mit ihm befassen müssen. |
| Für die Wissenschaft
besteht die einzigartige Bedeutung des Gegenstandes Mensch, wenn ich mich
in meinen Ausführungen nicht geirrt habe, in dem zweifachen Umstand, dass
er 1. individuell und sozial die höchste Synthese darstellt, in der uns
der Weltstoff begegnet, und 2. dass er dementsprechend heute das
beweglichste Glied dieses in Umwandlung begriffenen Stoffes ist. |
| Aus diesen beiden Gründen
bedeutet die Entzifferung des Menschen im wesentlichen eine Untersuchung
über die Art, wie sich die Welt gebildet hat, und wie sie fortfahren
muss, sich zu bilden. Wissenschaft vom Menschen: theoretische und
praktische Wissenschaft von der Menschwerdung, vertiefte Einblicke in die
Vergangenheit und die Ursprünge. Aber noch viel mehr konstruktive, immer
wieder neu aufgenommene Versuche an einem ständig erneuerten Objekt. |
| Das Programm ist
unermesslich und hat kein anderes Ende als das der Zukunft. |
| Zunächst die Pflege und
Vervollkommnung des menschlichen Körpers. Kraft und Gesundheit des
Organismus. Das Denken kann sich nur auf diesen materiellen Grundlagen
erheben, solange seine "tangentiale" Phase dauert. Sind wir -
bei dem Tumult der Idee, der das Erwachen des Geistes begleitet - nicht in
Gefahr, körperlich zu degenerieren? Wir sollten uns schämen, hat man
gesagt, wenn wir die Menschlichkeit, bei der es so viele Schlechtweggekommene
gibt, mit den Tiervölkern vergleichen, wo bei hunderttausend Individuen
keinem Fühle auch nur ein Gliedchen fehlt! An sich liegt eine solche Regelmäßigkeit
nicht in der Linie unserer Entwicklung, die ganz auf Geschmeidigkeit und
Freiheit gerichtet ist. Doch kann sie nicht, anderen Werten geziemend
untergeordnet, als Hinweis und als Lehre dienen? Wir haben bisher unsere
Rasse gewiss auf gut Glück wachsen lassen und nur ungenügend über das
Problem nachgedacht, durch welche medizinischen und sittlichen Faktoren es
notwendig ist, die brutalen Kräfte der natürlichen Zuchtwahl zu
ersetzen, wenn wir sie unterdrücken. Im Lauf der kommenden Jahrhunderte
muss unbedingt eine unserem Persönlichkeitsniveau entsprechende, humane und
edle Form von Eugenik gefunden und entwickelt werden. |
| Eugenik der Individuen -
und daher auch Eugenik der Gesellschaft. Wir finden es bequemer, ja, wir
halten es sogar für sicherer, dass sich die Formen dieses großen
Körpers, der aus allen unseren Körpern gebildet ist, von selbst
herausbilden, auf Grund des blinden Spiels von Willkürakten und
individuellen Trieben. Nur nicht in die Kräfte der Welt sich einmischen!
Immer noch das Trugbild des Instinkts und der angeblichen Unfehlbarkeit
der Natur. Doch erwartet nicht eben die zum Denken gelangte Welt, dass wir
die instinktiven Schritte der Natur durchdenken und dadurch
vervollkommnen? Ein bewusstes Wesen bedarf bewusster Maßnahmen. Wenn die
Menschheit eine Zukunft hat, kann man sich diese Zukunft nur in der
Richtung eines harmonischen Ausgleichs vorstellen zwischen Freiheit,
Planmäßigkeit und Gesamtheit. Verteilung der Schätze des Erdballs,
Regelung des Dranges nach den freien Räumen. Bestmöglich Verwendung der
durch die Maschine freigewordenen Kräfte. Physiologie der Nationen und
Rassen, Geoökonomie, Geopolitik, Geodemographie. Die Organisation der
Forschung erweitert sich zu einer rationellen Organisation der Erde. Ob
wir es wollen oder nicht, alle Anzeichen und alle, unsere Bedürfnisse
konvergieren im selben Sinn: was wir brauchen, und woran wir bereits
unaufhaltsam arbeiten, mittels und jenseits unserer ganzen Physik, unserer
ganzen Biologie, unserer ganzen Psychologie, das ist menschliche
Energetik. |
| Bei diesem Aufbruch., der
schon im Stillen begonnen hat, begegnet unsere Wissenschaft, die dahin
gelangt ist, sich auf den Menschen zu konzentrieren, immer
unausweichlicher der Religion. |
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