Die Mormonen - "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage"

Man begegnet ihnen immer mal wieder auch auf unseren
Straßen: Junge, seriös gekleideten Herren mit gepflegtem Äußeren. Es sind
Missionare der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage". Haben sie Ansprechpartner gefunden, so weisen sie meist auf ein blaues Buch mit Goldschrift hin: "Das Buch Mormon - ein weiterer Zeuge für Jesus Christus", steht in goldenen Buchstaben auf dem Umschlag. Dieses Buch ist die Grundlage ihrer Lehre.
Wer sind sie und was glauben und lehren sie?
Heute gibt es mehrere voneinander unabhängige Mormonenkirchen. Für alle ist jedoch das Buch Mormon die Grundlage. Herausgeber des Buches ist
Joseph Smith (1805-1844), ein Amerikaner. Die Vielzahl der amerikanischen christlichen Gruppen und Kirchen ließen den jungen Smith nach der einen, wahren Kirche suchen.
Smith berichtet, dass ihm mit 14 Jahren in einem Wald Gott Vater und Sohn erschienen seien, wobei der eine auf den anderen deutend zu Smith gesagt habe: "Dies ist mein geliebter Sohn, höre auf ihn". Weiter sei ihm mitgeteilt worden, die Glaubensbekenntnisse aller Kirchen und Freikirchen seien in den Augen Gottes ein
Gräuel und er solle sich keiner von ihnen anschließen. So gründete Joseph Smith 1830 eine neue Kirche, nachdem ihm inzwischen mehrmals ein Engel namens Moroni erschienen sei. Der habe ihm 1827 einen Stapel goldener Platten über geben, die seit einigen hundert Jahren in einem nahe bei New York gelegenen Hügel versteckt waren. Mit einer der beiden Platten liegenden Brille sei ihm die Übersetzung der geheimnisvollen Schrift gelungen, die auf den Platten eingeritzt war. Den Text habe er, Joseph Smith, im Buch Mormon veröffentlicht. Die Platten habe er, entsprechend der Weisung des Engels Moroni, wieder zurückgeben müssen. Niemand hat sie seither gesehen. Moroni, so Smith, sei der Sohn des amerikanischen Propheten Mormon aus dem fünften Jahrhundert gewesen. Daraus leitet sich der Name Mormonen ab.
Nach seinem Wirken in Palästina sei Christus nach seiner Auferstehung auch in Amerika erschienen, um hier eine Kirche zu gründen, womit schließlich Joseph Smith beauftragt worden sei. Neben der Gründungsurkunde, dem Buch Mormon, spielen auch noch andere Visionen Smiths eine wichtige Rolle, die in "Lehren und Bündnisse" sowie "Die köstliche Perle" dargelegt sind.
Nach der Lehre der Mormonen gibt es mehrere Götter. Vater, Sohn und Geist sind drei verschiedene Gottheiten. Vor der Geburt haben die Menschen als Geister bei Gott Vater gelebt. In geistiger Hinsicht sei Gott Vater, der in einem physischen Körper lebe, den "Menschengeistern" weit überlegen. Damit die Menschen ihm gleich werden können, habe er den Plan aufgestellt, der es den "Geistern" ermöglicht, auf die Erde zu kommen. Während des Erdenlebens besteht nun die Möglichkeit, durch strenges Einhalten der Gebote, wie sie die Mormonen verstehen, Gott ähnlich zu werden. Dies geschieht nach dem Tod über ein Zwischenreich (Geisterwelt) und die Auferstehung, nach der in einem vollkommenen unsterblichen Körper die Menschen in der "celestialen Herrlichkeit" leben. (vgl. Arbeitsblatt 4, Ewiger Fortschritt, Hrsg. Kirche Jesu der Heiligen der letzten Tage, Frankfurt/Main, 1987)
Die Bibel spielt eine untergeordnete Rolle. Die Mormonen kennen die "Sakramente", die Taufe ab 8 Jahren, sowie bei allen Übertritten als Erwachsenentaufe. Nur für initiierte Mitglieder gibt es die sog. Siegelung, eine Eheschließung, die auch nach dem Tod weiter besteht. In der Totentaufe können Mormonen stellvertretend sakrale Handlungen für bestimmte Verstorbene an sich vollziehen lassen, um auch die zu retten, die keine Möglichkeiten hatten, mit der "wahren Kirche der Heiligen der letzten Tage" in Kontakt zu kommen.
Diese und andere Rituale gehören zum sogenannten Tempeldienst und dürfen auch nur dort vollzogen werden. Die geheimen Tempelrituale bilden eine Mischung aus altjüdischem Tempelkult, Esoterik, sowie magischen- und freimaurerischen Elementen. Durch häufige Teilnahme an diesen Ritualen erfüllt der Mormone das "Werk". So steigt er zur "himmlischen Herrlichkeit" auf und erhält schließlich den Status "eines Gottes". Der frühere Mormonenapostel Melvin Ballard erklärt dazu: "Das Gottwerden liegt in der Reichweite jedes Menschen; aber nur die werden es erlangen, die den Preis bezahlen, die Prüfung (Zulassung zum Tempeldienst) bestehen und sich als würdig erweisen, indem sie alle Vorschriften und Bedingungen erfüllen" (vgl. Materialdienst EZW Sonderdruck Nr. 10, Stuttgart, 1985, S. 3).
Wöchentliche Familienabende montags und sonntäglicher Gottesdienst sowie zahlreiche weitere Versammlungen gehören zur Lebenspraxis. Jeder junge Mann hat eine Vollzeitmission zu erfüllen (ein- bis zweijähriger Einsatz in Missionsgebieten). Die Gemeinschaft finanziert sich aus Spenden, der Abgabe des Zehnt. An der Spitze der jeweiligen "Kirche" steht ein Präsident. Neben den Versammlungsräumen dienen Tempel dem religiösen Leben, zu denen jedoch nur Mormonen mit "Tempelschein" Zugang haben. Nach vielen Turbulenzen nach Beginn der Gründung führte nach der Ermordung von Joseph Smith der Zimmermann Brigham Young (1801-1877) die Mormonen in mehreren Schüben in das Salzseetal der Rocky Mountains, nachdem sie nicht zuletzt wegen der damals bei Mormonen noch üblichen, aber in den USA verbotenen "Vielweiberei" unterdrückt wurden. Die dort geleistete Pionierarbeit erhöhte das Ansehen der Mormonen. Ihr Siedlungsgebiet wurde schließlich 1896 als Bundesstaat Utah in die USA aufgenommen. Zentrum des Staates ist Salt Lake City.
Die zahlreichen Sonderlehren, okkulten Tempelrituale, der Anspruch, erst 1830 sei nach hunderten von Jahren des Abfalls die wahre Kirche erst wieder hergestellt worden und die Übernahme eines synkretistischen Glaubensverständnisses sind mit christlicher Glaubens- und Lebens sicht nicht zu vereinbaren. Jedes ökumenische Gespräch wird von Mormonen abgelehnt. Sowohl die Freundlichkeit der Missionare und die Selbstbezeichnung "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" können nicht dar über hin wegtäuschen,
dass Lehre und Religiosität der Mormonen der christlichen Botschaft fremd sind.
Beurteilung
Der Mormonismus gehört aufgrund seiner auf "neuen Offenbarungen" beruhenden unbiblischen Lehren und der geheimen Tempelrituale nicht zum weiten Spektrum des ökumenischen Christentums. Er ist vielmehr als eine amerikanische, synkretistische Neu-Religion zu bewerten. Fast alle aus dem biblisch-christlichen Kontext übernommenen Begriffe (z.B. Sünde, Gott, Christus, Schöpfung, Apostel, Auferstehung, Taufe, Heil usw.) sind in ihren Inhalten völlig verändert und `mormonisiert` worden. Daneben propagiert der Mormonismus Amerika als "Kontinent des Heils", als Mittelpunkt der göttlichen Heilsgeschichte: Das Paradies Adam und Evas liegt im Bundesstaat Missouri; Christus erschien nach seiner Auferstehung auf dem amerikanischen Kontinent und wird dort auch nach seiner Wiederkunft im Endzeit-Tempel von Independence/Mo. residieren, usw. Deshalb bedeutet ein
Übertritt zum Mormonentum nicht nur ein Glaubenswechsel, sondern eine völlige Abkehr von der christlich-ökumenischen Kirchengemeinschaft. Der Mormonismus repräsentiert eine ganz andere, fremdartige Welt, die Folge ist eine starke Belastung der bisherigen gesellschaftlichen, vor allem aber familiären Bezüge. Die extremen Glaubensvorstellungen der Mormonen und die starke zeitliche Beanspruchung des einzelnen Mitglieds in der Mormonengemeinschaft stellen in konfessionsgemischten Familien in der Regel eine ständige Zerreißprobe dar.